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Archiv 2004

Willkommen in der bunten Welt des thailändischen Films

Bunter geht es nun wirklich nicht mehr. Von verzweifelten Frauen, die in ihrer Wohnung ungewünschte Leichen verstecken müssen über einen Haufen quirliger Tunten, die bei einem Flugzeugabsturz im Dschungel landen bis hin zu einer einsamen Frau an der Dating-Hotline ihres Radiosenders reichen die Extreme, und dazwischen ist natürlich noch genug Platz für alle gängigen Klischeefiguren, die das asiatische Kino zu bieten hat. Beeinflusst durch die klassischen asiatischen Filmfabriken Hongkongs, Koreas und Japans und das indische Bollywood-Kino, ist in Thailand eine Art von Film entstanden, die eine gute Mixtur, wenn nicht gar die Essenz des asiatischen Kinos darstellt.


Mon-Rak Transistor (1999) (c)Wise Kwai ThaiFilms

Dabei sah es vor einem knappen Jahrzehnt noch recht düster aus für die thailändische Filmindustrie. 1995 gelangte nicht einmal ein Dutzend thailändischer Produktionen auf den heimischen Markt, die klassische Filmindustrie befand sich in Transistion vom Karaokefilm zum Hochglanzstreifen, von Wanderkinos, die auf Dorfplätzen und Hinterhöfen Vorführungen abhielten, von den großen Filmpalästen der 60er Jahre zu den modernen Multiplexen, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Von den Goldenen Ära des thailändischen Films Ende der 60er Jahre, als bis zu siebzig inländische Produktionen pro Jahr über die Leinwände flackerten, hin zu einem Markt, der sowohl was die Produktion betraf als auch deren Vorführung und Konsum, zunehmend in ausländische Hände abgeglitten war. Was man in den Jahren um 1995 auf den Leinwänden zu sehen bekam, war meist Schund, zum Großteil aus den ostasiatischen Filmfabriken importiert.

Trotzdem war Thailand von Anfang an ein Filmland, seit sich im Jahre 1900 Prinz Sanphasatsuphakit als erster Thailänder eine Filmkamera zulegte, inspiriert von französischen Beratern. 1923 entstand mit amerikanischer Beteiligung der Klassiker des thailändischen Films "Miss Suwanna of Siam". Der Film trat die erste Welle thailändischer Spielfilme los, die allerdings nach einem guten Jahrzehnt wieder verebbte. Thailand gelang es nicht, sich aus den Wirren des zweiten Weltkrieges herauszuhalten, doch auch die japanischen Besatzer produzierten hier Filme. Seitdem ist Japan zur wichtigsten Größe bei ausländischen Produktionen in Thailand geworden. Zwischen 1995 und 2001 entstanden jährlich zwischen 130 und 160 japanische Filme, TV-Serien und Werbeclips, die in Thailand gedreht wurden, ein Vielfaches der Produktionen amerikanischer und europäischer Firmen oder gar asiatischer Nachbarländer. Insgesamt mehr als 200 ausländische Produktionen wurden in den 90er Jahren jährlich in Thailand gedreht, mit thailändischem Material und Fachkräften, aber ausländischem Kapital, so das Erfolgsrezept der Genehmigungsbehörde. Thailand wirbt mit seinem Know-How, das es über die Jahre den vielen Filmfachleuten abgeschaut hat, die hier gedreht haben, und das nun endlich auch dem heimischen Film zugute kommt.


Fun, Bar, Karaoke (1997) (c)Berlinale

Als die Asienkrise 1997 ausbrach, rechnete eigentlich niemand damit, dass die Filmindustrie heil davon kommen würde. Das für Spielfilmproduktionen erforderliche Kapital war dem Wertverlust zum Opfer gefallen, Kredite so gut wie nicht zu beschaffen, denn niemand wollte sein Kapital verleihen, das am nächsten Tag nur noch halb soviel wert sein würde. Da erscheint es wie ein Wunder, dass gerade 1997 das Jahr wurdel, das den Wendepunkt in der Geschichte des thailändischen Films markiert. Vielleicht lag es an den aufgebrochenen Strukturen der "alten" Filmindustrie, das neue Filmemacher auf der Bildfläche erschienen wie Tom Pannet, auch bekannt als Pen-Ek Rattanaruang oder Nonzee Nimitbutr, der manchmal von Journalisten als "Steven Spielberg von Thailand" bezeichnet wird. Vielleicht liegt es an der allgegenwärtigen Atmosphäre allgemeiner wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit während der Krise, die diese neue Generation beflügelte. Krise und Inspiration gehen in der Kunst ja schließlich oft einher. Wirtschaftlich gesehen bleibt es aber weiterhin ein kleines Wunder, dass Tom Pannet es mit "Fun, Bar, Karaoke" aufs internationale Parkett schaffte, u.a. auch auf die Berlinale 1997. Damit war Deutschland sozusagen Zeuge der Geburt des von nun an aufstrebenden "Neuen thailändischen Films". Sein Film über den Zusammenprall von Seven-Eleven-Kultur und traditioneller thailändischer Lebensart in der Metropole Bangkok spielt rund um eine Karaokebar, die zum Treffpunkt verschiedener Charaktere wird, deren Lebenswege durch ein unsichtbares Band, von Pannet sichtbar gemacht, verbunden sind. Nonzees Film, ein Gangsterepos, das in den 50er Jahren spielt, gewann sogar den ersten Preis auf den Brüsseler Filmfestspielen. In Thailand selbst war das Publikum noch sehr auf Filme aus Hollywood fixiert, vielleicht auch, um sich von der eigenen Situation abzulenken, trotzdem wurde "Dang Bireley´s Young Gangsters" ein Kassenhit.

Aber seit 1997 ging es mit dem thailändischen Film stetig bergauf, und zwar sowohl in Bezug auf Output als auch auf Qualität, kommerziellen und internationalen Erfolg. Pannet drehte zwei Jahre später "6ixty9", der unlängst auch im deutschen Fernsehen gezeigt wurde, Nonzee hatte mit dem Remake einer klassischen Geistergeschichte "Nang Nak" national großen Erfolg. Das Thema des Films über den ruhelosen Geist von Nak, der Ehefrau eines aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten wurde zuvor bereits etliche Male für Remakes in Form von billigen Horrorgeschichten aufgewärmt, Nonzee gelang es dann aber mit seiner Adaption des Themas, die Gefühle des Publikums zu erreichen. Im ganzen Land wurde daraufhin über Nak (sprich: Naak) diskutiert, die bis dahin als Kinderschreck gedient hatte. "6ixty9" ist die makabere Geschichte einer gerade arbeitslos gewordenen jungen Frau, die isoliert in ihrem Apartment lebt, in dem sich auf einmal auf mysteriöse Art und Weise Leichen zu stapeln beginnen.

Daneben wurden natürlich die ganze Zeit weiter Horrorfilme produziert, und so schlecht sie oft von der Story her auch sein mögen, bei der ungebrochenen Begeisterung, der sich das Genre bei ganzen Familien erfreut, die sich am Wochenende selbst mit kleinen Kindern im EGV-Komplex menschenverspeisende Zombies und ruhelose Leichen anschauen, ist wohl kein Ende abzusehen. Zumal sich die optische Qualität dieser Filme doch erheblich verbessert hat. Außer "Nang Nak" erwähnenswert ist noch "The Eye" (Khon hen Phee) von Oxide und Danny Pang, dem Dynamischen Duo des Thai-Films, das 2000 mit dem Actionfilm "Bangkok Dangerous" (Krungthep Antarai) für Aufsehen in den Kinosälen sorgte. Die beiden Brüder aus Hongkong sind maßgeblich für den Einfluss der ehemaligen Kronkolonie auf das "New Thai Cinema" verantwortlich und haben diesen intelligenten Horrorfilm über eine junge Frau, die nach einer Augenimplantation auf einmal Geister sehen kann, jüngst als Koproduktion zwischen den beiden Produktionsstätten realisiert.


Die Protagonisten - isolierte Individuen im großen Strom des Lebens

Eine andere Art von "New Thai Cinema" entstand 1999 mit Thanit Jitnukul´s Historienepos "Bangrajan", das weltweit vermarktet wurde und sogar in Deutschland auf Video erschienen ist. Diesem in Südostasien leider oft mit Nationalgefühl überfrachteten Genre wurde 2001 mit dem teuersten thailändischen Film aller Zeiten ein Meilenstein gesetzt. "The Legend of Suriyothai" wurde gedreht und produziert von Prinz Chatrichalerm Yukol mit dem Riesenaufgebot von 80 Kriegselefanten und zweitausend Komparsen für die aufwändigen Schlachtenszenen. Die in ihrem historischen Gehalt umstrittene Biografie der Prinzessin Suriyothai am Hof von Ayutthaya, die ihr Land im 16. Jahrhundert siegreich gegen die einfallenden Burmesen verteidigt haben soll, erregte international große Aufmerksamkeit, die Sympathien allerdings teilten sich.

In den Nachbarländern Kambodscha und Burma entstanden ebenfalls eine Reihe Historienfilme von allerdings deutlich niedrigerer Qualität, die die Burmesisch-Thailändische bzw. Kambodschanisch-Thailändische Geschichte aus Sicht des jeweiligen Produktionslandes zeigen. Was Suriyothai angeht, so wurde der über 9 Mio US-Dollar teuere Streifen nicht nur von Königin Sirikit als große Hoffnung für den thailändischen Film gepriesen. Auch Francis-Ford Coppola soll bei der Nachbearbeitung einer Version für den amerikanischen Markt beteiligt gewesen sein.


"I am a lady"

Spätestens seit "The Iron Ladies" 2000 erfreuen sich Filme mit homosexuellem Bezug in Thailand wie im Ausland ungebrochener Beliebtheit. Die Real-Life-Story über das transsexuell/schwule Volleyballteam aus der nordthailändischen Kleinstadt Lampang, das 1996 die Landesmeisterschaften gewann, verkaufte sich erfolgreich ins asiatische Ausland, insbesondere nach Japan, sowie nach Übersee. Kein Wunder also, dass im letzten Jahr eine Fortsetzung in Form eines Prequels folgte, das den Untertitel "The early Years" trägt und mit japanischer Beteiligung realisiert wurde. Den Erfolg des Originals an den Kinokassen konnte "Iron Ladies 2" aber nicht erreichen.


Saving Private Tootsie (2002) (c)Simon Booth

Auch andere Filme wie "Saving Private Tootsie" (2002) über eine Gruppe von Ladyboys, die im Dschungel abstürzen und von einer (Hetero-)Spezialeinheit gerettet werden sollen, oder "I´m a lady" (2003) über ein Cheerleader-Team aus Kathoeys, wie Transvetiten in Thailand genannt werden, konnten den Erfolg von "Iron Ladies" nicht toppen, aber sie haben zumindest zur festen Etablierung dieses neuen Genres beigetragen, dem Jahr für Jahr neue Filme hinzugefügt werden. So auch jüngst "Beautiful Boxer" von GMM-Grammy Chef Ekachai Uekrongtha, wieder eine Real-Life-Story, aber im Gegensatz zu den vorgenannten Filmen keine Komödie, sondern eher ein Drama, ein thailändischer "Billy Elliot" mit Lippenstift. Gemeint ist Kathoey-Ikone Parinya Charoenphol a.k.a. Nong Thum, in Thailand bekannt wie keine andere für ihr Doppelleben als Tänzerin im berühmten "Icon-Club" von Bangkok und ihre fabulösen Siege als Kickbox-Champion, u.a. 1998 im Lumphini-Stadium am Siam Square, direkt im Herzen der Metropole. Der Kampf wurde im Fernsehen übertragen, ebenso Nong Thum´s Ankündigung, sich einer Operation zur Geschlechtsumwandlung zu unterziehen, welche Traum und zugleich Alptraum vieler Kathoeys ist.

Jagd nach dem goldenen Kinnari


Nothing to Lose (1999) (c)Simon Booth

1997 ist noch in einer weiteren Hinsicht als Wendepunkt der jüngeren thailändischen Filmgeschichte zu betrachten; in jenem Jahr fand nämlich zum ersten Mal das "Bangkok International Film Festival" unter der Schirmherrschaft der Fremdenverkehrsbehörde TAT und der "Federation of National Film Association" statt. Alljährlich im Winter wird nun die "Stadt der Engel", wie Bangkok übersetzt heißt, zum Anziehungspunkt der asiatischen Filmszene. Aber auch die westliche Welt hat inzwischen das "Cannes von Asien", als das das Festival von der TAT verkauft wird, entdeckt. 2003 fand sich zum Beispiel unter den ausländischen Preisträgern, die den goldenen Kinnari erhielten, den thailändischen Oscar in Gestalt eines Vogelmenschen aus der thailändischen Mythologie: Philip Noyces australisch-vietnamesische Coproduktion "The Quiet American", der erste Film eines westlichen Regisseurs über den Vietnamkrieg, der in Vietnam selbst gedreht wurde, und Christopher Doyle, Kameramann vieler asiatischer Spitzenregisseure, u.a. von Wong Kar-Wai und Tom Pannet. Tatsächlich dürfte das Festival den Besucher sowohl vom Konzept als auch vom Austragungsort eher an die Berlinale als an den französischen Küstenort erinnern, es konzentriert sich hauptsächlich auf die Filmtheater rund um den Siam Square im quirligen Herzen der Metropole, Glanz und Gloria der Mittelmeerstadt mit seiner luxuriösen Strandpromenade und der Haute-Couture des internationalen Art-House-Kinos fehlen hier noch, aber Bangkok holt auf. Über hundert Filme sind im Programm des diesjährigen 6. Festivals vertreten, aufgeteilt auf einen regionalen und einen internationalen Wettbewerb sowie ein nationales und ein internationales Panorama. Zu den Highlights zählt neben "Last Life in the Universe" auch die thailändische Produktion "The Siam Renaissance", eine Verfilmung des klassischen thailändischen Romans über eine Historikerin, die im Bangkok zweier Zeitebenen lebt: der vorletzten Jahrhundertwende und der Gegenwart. Ein bemerkenswerter Beitrag aus dem filmisch mühsam wieder auflebenden Nachbarland Kambodscha ist Rithy Pann´s "S21 - Die Todesmaschine der roten Khmer" über das berüchtigte Folter- und Vernichtungslager in Phnom Penh, der unlängst auch im Programm des deutsch-französischen Kulturkanals Arte zu sehen war.

Trotz intensiver Bemühungen der großen thailändischen Produktions-firmen wie GMM Grammy, Sahamongkol Films, Film Bangkok oder Five Star hat der Neue Thailändische Film Deutschland noch nicht erreicht. Auf der Berlinale 2003 war Thailand zum neunten Mal seit 1982 mit einer Eigenproduktion vertreten, der diesjährige Favorit "Last life in the Universe" von Pen-Eak Rattanaruang schaffte es aber nicht ins Programm des Festivals. In Deutschland hat sich bisher kaum ein Verleiher ernsthaft für eine Vermarktung interessiert, und das trotz des enormen Aufwinds, den asiatisches Kino seit Ang Lee´s "Tiger&Dragon" in Deutschland genommen hat, trotz der treuen Fangemeinde für Hongkong-Melodramen à la Wong-Kar Wai und der Tatsache, dass jährlich über 400 000 deutsche Urlauber/-innen ins Land des Lächelns reisen und über 50 000 Thailänder/-innen permanent in Deutschland leben. T. Wysocki

Sehenswerte thailändische Filme seit 1997 (Auswahl):

Genre

Bild Titel Jahr Regisseur
Komödie Fun Bar Karaoke 1997 Pen-Eak Rattanaruang
Horror The Eye 2003 Oxide Pang
Drama The Moonhunter 2001 Bandit Rhittakol
Drama One Night Husband 2003 Pimpaka Towira
Drama February 2003 Yuthlert Sippapak
Gay/Drama Beautiful Boxer 2003 Eakachai Uekrongtham
Gay The Iron Ladies 2000 Thongyood Thongkhongthul

Literaturhinweise und Internetadressen:

100 Years of Thai Cinema
von Dome Sukwong & Sawasdi Suwannapak. London 2001

www.floatinglotus.com/thaimovies.htm
Über den Geschlechtertausch als Thema thailändischer Filme. Von den Machern des Gaymags "Mithuna" (Juni).

www.bangkokfilm.org
Bangkok Film Festival. Programm und Informationen.

http://www.brns.com/thaifilms/pages
Besprechungen thailändischer Filme mit vielen Szenenfotos.

© Timo Wysocki, Thailändischer Filmclub in Essen
www.asienhaus.de/thai-filmclub/

 

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