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Archiv 2003

Über 100 Jahre freundschaftliche Beziehungen zwischen Thailand und Deutschland - begründet in den Zeiten König Chulalongkorns

Der Einfluß Deutschlands in Siam, wie das Land der Thai bis 1939 hieß, erstarkte in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Deutsche Reich wurde nach Großbritannien zum wichtigsten Handelspartner des südostasiatischen Königreiches. Deutsche Ingenieure, Kaufleute und Diplomaten prägten die rasch wachsende deutsche Kolonie in Bangkok. Der deutsche Ingenieur Karl Bethge leitete als Generaldirektor im Ministerium für Öffentliche Arbeiten den Bau des thailändischen Eisenbahnnetzes.

Nach dem Siam 1893 aufgezwungenen ungleichen Grenzvertrag mit Frankreich, der die Abtretung von mehr als einem Viertel des damaligen Territoriums festschrieb, blickte die Regierung von König Chulalongkorn nach Bündnispartnern, um die Unabhängigkeit und territoriale Integrität des verbliebenen Staatsgebietes garantieren könnten. Die wirtschaftliche und politische Präsenz der aufstrebenden Weltmacht Deutschland war der Regierung in Bangkok daher willkommen.

Diese Grundkonstellation kommt in folgender Analyse des deutschen Gesandten Ernst von Hesse-Wartegg treffend zum Ausdruck: "Wie in ganz Ostasien, so ist auch in Siam neben Frankreich und England in den letzten zwei Jahrzehnten ein dritter wichtiger Faktor aufgetreten, das Deutsche Reich, das dort verhältnismäßig wichtige Handelsinteressen besitzt, wichtiger, als es jene von Frankreich sind. Deutschland hat dort einen immerhin ansehnlichen Handel und Schiffahrtsverkehr, gegen welchen jener Frankreichs als verschwindend bezeichnet werden kann. ... Die Unabhängigkeit Siams liegt im Interesse des Deutschen Reichs, und wenn dieses Interesse an maßgebender Stelle richtig erkannt worden ist, so wird Siam keinen besseren Freund in Europa haben als Deutschland.”

Im Jahre 1897 trat König Chulalongkorn seine erste Europareise an, die ihn nach Rußland, Holland, Belgien, Spanien, Portugal und Deutschland führte. Ganz bewußt wurden Paris und London ausgespart; denn nicht nur Frankreich, auch Großbritannien besaß territoriale Ambitionen in Südostasien, die zu Lasten des Königreiches Siam gingen. Der Empfang für Chulalongkorn in Deutschland war besonders herzlich. Die Menschen in Berlin, Potsdam, Dresden, Karlsruhe, Darmstadt, Baden-Baden und anderen Orten umjubelten den Herrscher aus dem Fernen Osten. Schon ein Jahr vor seiner großen Reise nach Europa hatte König Chulalongkorn den Entschluß gefaßt, Prinz Bòriphat, einen seiner Söhne, in Deutschland studieren zu lassen. Der Prinz besuchte die Kadettenschulen in Potsdam und Kassel und sollte nach der Rückkehr in seine Heimat ein unerschütterlicher Verfechter deutsch-thailändischer Freundschaft werden.

In Deutschland nahm das Interesse an der thailändischen Kultur und Geschichte einen starken Aufschwung, aber auch in Siam wuchs der Bedarf an Informationen über das Deutsche Reich. In der Ausgabe vom Januar 1899 berichtete das unter königlicher Patronage stehende Literaturmagazin Vajiranana (Watchirayan) ausführlich über die politische und ökonomische Situation Deutschlands.

Der in der Form eines Länderberichtes abgefaßte Artikel spricht mit Wertschätzung über die wirtschaftliche Dynamik, die straff organisierte Staatsverwaltung sowie die militärische Kraft des unter Preußens Führung geeinten Deutschland. Eine gewisse Bewunderung für die historische Leistung des ehemaligen Reichskanzlers Bismarck, den Chulalongkorn 1897 auf dessen Alterssitz Friedrichsruh besucht hatte, schimmert zwischen den Zeilen immer wieder hindurch.


© Der Text ist eine Auszug aus dem in der Thailand-Rundschau 2/2003 der Deutsch-Thailändischen Gesellschaft (DTG) erschienenen Artikels "Deutschland 1899 im Spiegel des zeitgenössischen Siam" von Professor Volker Grabowski, Universität Münster.

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