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König Chulalongkorn, Bewahrer der Freiheit seiner Nation
Abend für Abend kommen viele Thais aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten und jeden Alters in großen und kleinen Gruppen am Royal Plaza in Bangkok zusammen.
In der heiteren Atmosphäre dieses großen öffentlichen Platzes bauen sie Altare mit Kerzen und Räucherstäbchen auf, um ihrer Huldigung an ihren geliebten vor langer Zeit verstorbenen Monarchen, König Chulalongkorn, Rama V. der Chakri Dynastie, Ausdruck zu geben. Feierlich bezeugen sie ihren Respekt vor der Reiterstatue, die im Zentrum des Platzes steht und seine majestätische Herrschaft symbolisiert. Es ist ein bewegender und beeindruckender Anblick.
König Chulalongkorn bestieg den Thron im Jahre 1868 und er herrschte 42 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Während dieser Zeit wurde er zu einem der bekanntesten Monarchen der Welt, gefeiert in Literatur und Drama. Die Thais behalten ihn in ihrer Erinnerung und verehren ihn als ein grosses Vorbild für die Bereitschaft zu lernen und nach Leistung und Dynamik zu streben. Sie verehren ihn als den Mann, der mehr als alle anderen ihre alte Nation in die moderne Welt führte.
Als er den Thron des Königreichs Siam bestieg, stand das Land unter dem Eindruck des plötzlichen Todes seines Vaters, König Mongkut oder Rama IV, und Prinz Chulalongkorn war noch ein Junge von 15 Jahren und zudem bei schwacher Gesundheit.
Obwohl Siam offiziell eine absolute Monarchie war, war doch die Macht, die er erbte, recht eingeschränkt. Die wirklich entscheidenden Ämter und Vollmachten lagen in den Händen einer kleinen Herrscherschicht mächtiger adeliger Familien.
Ihre Kontrolle über das Budget der Nation, über die erzwungenen Arbeitsdienste der Bauernschaft, die Verwaltung der Provinzen, über das legale System und die Thronfolge erlegte dem jungen Monarchen enorme Beschränkungen auf. In der Tat war es ein eher ein Zeichen der Macht dieser einflussreichen Kreise, dass es ihr gelang, einen solch jungen und kränklichen König auf den Thron Siams zu bringen, einen König, von dem erwartet wurde, dass er kein sehr hohe Lebenserwartung haben würde.
Dies war wirklich kein viel versprechendes Klima für einen neuen Herrscher. Der einzige Faktor zu Gunsten des Jungen war die unschätzbare Ausbildung, die er von seinem Vater erhalten hatte. Chulalongkorn war der Nutznießer einer großartigen und ausgewogenen Bildung, die klassische thailändische und moderne westliche Elemente kombinierte. Seine Persönlichkeit war durch die wertvolle Lehrzeit an der Seite seines Vaters geprägt.
Abgesehen davon waren die Verhältnisse nicht gerade zu seinem Vorteil. Gerade in der Anlaufzeit seiner Herrschaft musste König Chulalongkorn unter der Führung eines Regenten - dem obersten Adligen - und unter der Einflussnahme anderer Mitgliedern der königlichen Familie, die mächtige Verwaltungspositionen innehatten, regieren. Der junge König merkte bald, dass den Reformen, die er einführen wollte, insbesondere der Reform der Monarchie selbst von den mächtigen Oligarchen mit Feindseligkeit begegnet wurden, denn deren Macht und deren persönliche Interessen waren zwangsläufig von diesen Reformen bedroht.
Warum war der junge Monarch so sehr zu Reformen entschlossen? Ein offensichtlicher Grund war, dass es seine recht unsichere Regentschaft stützen wollte. Aber ein weiterer Grund, der dem scharfen Verstand des Königs nicht entgangen war, war die Bedrohung Siams von außen. Die europäischen Ambitionen in der Region wurden im späten 19. Jahrhundert immer offener und aggressiver vorgetragen. Die Ausweitungen der Kolonialreiche Großbritanniens, Frankreichs und anderer Mächte waren in vollem Gange. Es musste ein Weg gefunden werden, sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht dem europäischen Imperialismus zu widerstehen.
Den Kolonialmächten in einem offenen Konflikt entgegen zu treten, hätte in eine Katastrophe geführt. Aber auch die Abschottung seines Königreichs von der Außenwelt und die Isolation gegen ausländische Konzepte und westliches Denken hätten katastrophale Auswirkungen gehabt.
König Chulalongkorn entschied sich daher für eine dritte Option, die konstruktive Einbindung der Kolonialmächte. Er tat diese durch die behutsame Öffnung des Landes zum Westen hin, durch geschickte Diplomatie und durch Zugeständnisse an die ausländischen Mächte, ohne dabei aber die Souveränität des Landes aufzugeben.
Dem König ging es darum, Zeit zu gewinnen um durch seine Modernisierungsvorhaben seine Macht zu festigen. Er experimentierte mit innovativen Änderungen in seinem eigenen Hofstaat, etwa durch die Erneuerung der Kleiderordnung. Er förderte die westliche Erziehung seiner jüngeren Brüder und seines Hofstaats und umgab sich mit aufgeschlossenen jungen Männern, die seine Visionen teilten. Er studierte auch verschiedene Modelle europäischer Kolonialverwaltung während seiner Besuche der holländischen und britischen Kolonien auf Java, in Malaysien, Burma und Indien in den Jahren 1871 und 1872. So legte er langsam und still die Grundlagen für die Zentralisierung der Verwaltung in Siam.
Der konservative Hochadel begriff die Bedeutung der Tätigkeiten König Chulalongkorns zunächst nicht so recht. Die Selbstzufriedenheit dieser Schicht ermöglichte es dem König, eine Reihe von Reformen nach seiner zweiten Krönung am 16. November 1873 in Angriff zu nehmen.
Diese Neuerungen waren gleichsam ein Signal dafür, dass der König nun erwachsen geworden war, denn er hatte jetzt das Alter von 21 Jahren erreicht. Den Anfang machte er mit der Abschaffung der Sklaverei. Die Übung des Fußfalls in öffentlichen und zeremoniellen Veranstaltungen wurde verworfen. Einige bedeutende finanzielle und legale Reformen wurden durchgeführt. Der "Eingeweihte Rat" und der Staatsrat, Institutionen, die wie ein Kabinett und ein Gremium von Beratern handelten, wurden gegründet.
Doch es dauerte nicht lange und diese Veränderungen führten zur Verärgerung und Ablehnung seitens des Hochadels. Der König spürte eine nahe bevorstehende Konfrontation mit der alten Garde und zog sich vorläufig zurück und ließ die Reformmaßnahmen zunächst schlummernd liegen.
Aber er wusste, die Zeit war auf seiner Seite. In den frühen 1880ern begannen die Ränge der Regentschaft zu schrumpfen. Das Ende dieses Kapitels kam mit dem Tod des Regenten im Jahre 1883 und dem Tod seines vorbestimmten Nachfolgers im Jahre 1886. Der König ernannte nun seinen ältesten Sohn zum Thronfolger.
Chulalongkorns Enthusiasmus für Reformen konnte wieder aufleben. Aber er wurde in der praktischen Durchführung seines Reformprogramms immer noch eingeschränkt durch den Mangel an vertrauenswürdigen und kompetenten Beamten. Also wandte sich der König seinen jüngeren Brüdern zu, deren moderne Ausbildung er durchzuführen geholfen hatte und deren Verstand mit einem Geist der Erneuerung durchdrungen war. Er berief sie, von denen einige erst Anfang Zwanzig waren, auf wichtige Verwaltungsposten. Er rekrutierte auch eine Anzahl sachkundiger ausländischer Berater verschiedener Wissensgebiete.
Was der König in der Folgezeit unternahm, berührte beinahe jeden Aspekt des Lebens seiner Untertanen. Die Verwaltung der Provinzen wurde unter zentrale Leitung gebracht und um auf bestimmte Aufgabenbereiche spezialisierte Ministerien erweitert. Moderne Gesetzeswerke und andere juristische Reformen trugen ein großes Stück dazu bei, die Unzufriedenheit der europäischen Mächte mit dem Rechtssystem Siams zu besänftigen.
Die Finanzverwaltung wurde zentralisiert und moderne Buchhaltung, Budgetplanung und Kontrollsysteme wurden eingeführt. Straßen und Brücken, Eisenbahnen, Telegrafenleitungen, Bewässerungskanäle und Wasserschleusen wurden gebaut, Bergbauprojekte wurden begonnen und die Kartografie eingeführt. Der König bemühte sich auch sehr um die Ausweitung des Bildungswesens und der medizinischen Dienstleistungen. Die Militärstreitkräfte wurden durch die Einführung der Wehrpflicht und durch die Gründung einer Militärakademie verbessert.
Aber König Chulalongkorn vergaß dabei nie, dass die Wirtschaft seines Königreichs auf der Landwirtschaft basierte. Um der ländlichen Bevölkerung zu helfen, führte er Grundeigentumsurkunden und auch ein gerechteres Grundsteuer- und Steruererhebungssystem ein. Ungenutztes Land wurde durch Intensivierung und Erweiterung der Landwirtschaft und durch Forstwirtschaft oder Bergbau wirtschaftlich erschlossen. Diese und andere Wirtschaftsreformen brachten ein beispielloses industrielles Wachstum und einen gesteigerten Außenhandel hervor.
Der König trat besonders für die Bildung und die Lehre von Moral und ethischen Prinzipien ein. Bildung war nach seiner Ansicht nicht nur ein Instrument, das den Bedürfnissen der Nation dienen sollte, sondern sie sollte ebenso dazu beitragen, eine bessere Lebensqualität für die Bevölkerung seines Landes sicherzustellen. Er führte die Grundschulausbildung ein, indem er die vielen buddhistischen Klöstern im ganzen Königreich einbezog und er führte einen formellen Lehrplan für die Ausbildung von Lehrern ein. Weiterhin liess er Berufs- und Gewerbeschulen gründen und ebenso ein ein Institut für den Staatsdienst, um junge Männer und Frau für den öffentlichen Dienst vorzubereiten. Aus diesem Institut ging später die Chulalongkorn Universität hervor. Durch die Erweiterung des Wissens und der Weltoffenheit der Bevölkerung legte diese Politik der "Volkserziehung" ironischerweise die Saat für eine spätere antimonarchische Bewegung in der Revolution von 1932.
Die Zielgerichtetheit, die Inhalte und Gründlichkeit der Reformen König Chulalongkorns sind wirklich außerordentlich und erstaunlich. Er führte nahezu im Alleingang eine neue Ordnung ein, die die alte Ordnung ersetzte. Und wenn es ihm auch gelang, die absolute Monarchie des Königs wiederherzustellen, so ging es ihm dabei doch nicht um seine eigene persönliche Macht. Er suchte die Macht als ein Mittel, um die zunehmende Änderung und Weiterentwicklung der siamesischen Gesellschaft voranzubringen. Er war davon zutiefst davon überzeugt, dass grundlegende Veränderungen richtig und notwendig waren, und zwar sowohl aus der Perspektive eines Buddhisten als auch westlicher Perspektive.
Die wundersame Erhaltung von Siams Unabhängigkeit und Souveränität im Gegensatz zu den Erfahrungen anderer asiatischen Ländern war in großem Maße den Reformen des Königs, seinen diplomatischen Fertigkeiten und seiner Fähigkeiten, die zentrale Macht zu festigen, zuzuschreiben. Dies waren die Qualitäten, die ihn bei seinen Untertanen beliebt machten - in einem solchen Maße, dass die thailändische Bevölkerung Geld spendete für die Errichtung des Reiterstandbilds ihres Königs Rama V auf dem Royal Plaza. Mit diesem Denkmal gedachten die Thais des Lebens und der Taten eines Königs, dessen Erbe einen bleibenden Eindruck in den Herzen und im Denken seines Volkes hinterließ.
König Chulalongkorn war wirklich ein Symbol eines aufgeklärten Zeitalters in der siamesischen Geschichte. Durch seine Führung und Vision wurde ein traditionelles südöstliches asiatisches Königreich in eine moderne Nation verwandelt.
© Anand Panyarachun.
Anand Panyarachun ist ein früherer Premierminister Thailands.
Frei übersetzt von Hans-Günther Pohl, thailife.de
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