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Berlin, 29.08.1897.
Exotische Gäste in Berlin.
Den interessantesten Fürstenbesuchen am deutschen Kaiserhofe, welche die Hofchronik zu verzeichnen hat, dürfte der des Königs von Siam beizuzählen sein, welcher seit Donnerstag als Gast Kaiser Wilhelms in Berlin resp. Potsdam weilt. Wie einst der verstorbene Schah NassrEddin von Persien, so hat auch König Chulalongkorn mit seinen beiden ältesten Söhnen auf längere Zeit sein Land verlassen, um nicht nur eine Repräsentations-, sondern auch eine Studienreise durch Europa zu machen.


König Chulalongkorn bei einer Feuerwehrübung am 28.8.1897 in Berlin |
Seit dem Frühjahr dieses Jahres bereits befindet sich der König von Siam außer Landes. Er hat den Jubiläumsfeierlichkeiten in London beigewohnt und danach Rußland, Dänemark, Frankreich, die Schweiz und Österreich besucht. Nächst Japan ist Siam dasjenige asiatische Reich, welches sich am meisten der europäischen Kultur genähert hat. König Chulalongkorn hat die Sklaverei abgeschafft und die Industrie mächtig gefördert; Telegraphen- und Eisenbahnlinien durchziehen das Land, das sich auch eines geordneten Münzwesens erfreut. In der Hauptstadt Bangkok, welche elektrisch beleuchtet ist und auch der Pferdebahn nicht entbehrt, gibt es viele öffentliche Bauten in europäischem Stil, voran der Königspalast und die Häuser der Prinzen und Großen des Reiches. Siam ist auch dem Welpostverein beigetreten und so stoßen wir überall in diesem Reiche auf ein kräftiges Vorwärtsstreben, so daß wir dem thatkräftigen Monarchen wahrlich unser Interesse und auch unsere Sympathie nicht vorenthalten können.
König Chulalongkorn wurde am 20. September 1853 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters, des Königs Mongkut, 1868 als der fünfte Herrscher der seit 1782 bestehenden Dynastie auf den Thron. Und so sehr er in seinen Regierungshandlungen moderneuropäischen Anschauungen huldigt, in einem Punkte ist er noch ein echter Asiate: die Zahl seiner Frauen und Kinder läßt sich nicht genau feststellen. Da die "erste" Königin ihm nach dem Tode des jung gestorbenen Sohnes keinen weiteren männlichen Nachkommen schenkte, so ist sie in den Hintergrund getreten vor ihrer Schwester Sawang, der zweiten Königin, welche ihm im Jahre 1881 den Prinzen Wejrawudh gebar, der 1895 zum Thronfolger proklamiert wurde. Königin Sawang führt auch während der Abwesenheit des Königs die Regentschaft. Bemerkt zu werden verdient auch noch, daß sich Flotte und Armee der gleichen Fürsorge des Königs erfreuen, wie die kulturellen Aufgaben. Die allgemeine Wehrpflicht, die in Siam eingeführt ist, beschränkt sich auf drei Monate. Die stehende Armee zählt nur einige tausend Mann.
Der König ist Anhänger des Buddhismus der auch Staatsreligion ist - und bei all seinen Reformen kein Umstürzler, vielmehr versteht er das Neue dem Alten anzupassen und das Alte dort zu erhalten, wo es mit dem nationalen Leben und altangestammten Sitten innig verwachsen ist. So sind denn auch durch die Reformen in Siam nicht so groteske Erscheinungen zu Tage getreten, wie in Japan, wo man das Neue dem Alten künstlich aufpfropfte ohne zu erwägen, daß gewisse Einrichtungen die sich in Europa, weil dort natürlich, sehr gut bewährt haben, doch in einem Lande, mit so gänzlich anderer Kultur und Traditionen, versagen können.
Vor seinem Aufenthalte in Berlin hat der König von Siam auch weitere Theile von Deutschland bereist, so war er in Hamburg, Stuttgart und Dresden. Und überall hat er rückhaltlos ausgesprochen, wie sehr ihm Deutschland gefalle. Hoffen wir, daß er auch von der Reichshauptstadt günstige Eindrücke mit nach der fernen Heimath in Ostasien nehmen möge.
© Aus dem von Herrn Prof. Dr. Rudolf Baierl herausgegebenen Ausstellungsband "Die Thai-Deutschen Beziehungen zur Zeit König Chulalongkorn" zur Ausstellung in der Königlich-Thailändischen Botschaft, Berlin, August 2000.
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