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Ein Bildbericht von Alfred Knappmann
Mae Sai, eine kleine Stadt an der Grenze zu Burma, die sich stolz "Der nördlichste Punkt Thailands bezeichnet".
Auf der anderen Seite des kleines Flusses, der die Grenze bildet, liegt Tachilek. Viele Thais und Touristen kaufen hier ein, vor allem billige chinesische Waren. Die Hauptstrasse, die zur Brücke führt, ist der grösste Markt und Handelsplatz auf der thailändischen Seite. Der lebhafte Handel der Thais, Burmesen, Shan und Menschen der verschiedenen Bergvölker prägen die buntschillernde lebendige Atmosphäre der Stadt.
Wenn sich im ersten Morgenlicht der Schlagbaum hebt, setzt sich eine Karawane über die Brücke in Bewegung. Lastwagen gefüllt mit Baumaterialien, Kleidung, Früchten, Gemüse und Reis. Alle erdenkbaren Waren türmen sich auf den Karren Richtung Mae Sai. Die Brücke, ein Nadelöhr für Menschenmassen, die ihr Glück und ihren Broterwerb auf der anderen Seite der Grenze suchen, unter ihnen viele Kinder. Die Brücke als Ausflugziel für Touristen ...
 
Es wäre trügerisch, die Wirklichkeit und die Not auf der Brücke und in der Stadt nicht zu erkennen. Die vielen lauernden Gefahren, Ängste und Nöte der Kinder sind für uns, die wir als Besucher oder Touristen hierher kommen, unvorstellbar. Die Zahl dieser grösstenteils obdachlosen, auf sich selbst angewiesenen, teilweise ausgestossenen und oft missbrauchten Kinder und Jugendlichen nimmt leider überall zu.
Hier, im nördlichsten Zipfel Thailands, prallen die Gegensätze krass aufeinander. Mae Sai ist eine faszinierende Gegend, mal exotisch und atemberaubend schön mit seinen traumhaften Landschaften, mal verwirrend und abstossend.
 
Kinder finden sich allzu oft als Strandgut auf den Strassen von Mae Sai wieder. Geflohen vor dem Elend und dem Krieg auf der burmesischen Seite. Von der eigenen Familie zum Betteln geschickt. Geflohen vor Misshandlungen und Vernachlässigung. Auf der Suche nach Nahrung und ein wenig erbetteltem Geld.
Um diese Kinder kümmert sich das Projekt "Childlife - eine Zukunft für Strassenkinder in Mae Sai". In aufopferungsvoller Arbeit und unter schwierigsten Bedingungen versuchen thailändische und ausländische Helfer, den Kindern eine Zukunftsperspektive zu bieten, ihnen eine Schulausbildung, ein sicheres Zuhause, regelmässige Mahlzeiten zu geben. Gesundheitsvorsorge, Persönlichkeitsentwicklung und Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten sollen die Kinder befähigen, später ein selbstständiges und menschenwürdiges Leben zu führen.
Wer das Projekt nicht selbst besucht und kennengelernt hat, kann kaum erahnen, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, unter widrigen Umständen und mit knappsten Mitteln ausgestattet, die grosse Schar ehemaliger Strassenkinder zu versorgen und zu betreuen. Kinder, die grösstenteils keine thailändische Staatsangehörigkeit haben, durch keine Geburtsurkunde oder sonstigen Dokumente ihre Herkunft belegen können und dadurch in Thailand kaum Rechte haben.
Das alte Domizil, ein Haus im Aussenbezirk von Mae Sai platzte bald aus allen Nähten. So kam der Traum von einem neuen grosszügigen Kinderdorf auf, das den Kindern endlich genug Raum und eine gesunde Umgebung bieten würde - und weit genug von ihrem ehemaligen Lebensraum auf den Strassen von Mae Sai entfernt liegt, um Distanz zum früheren Dasein als Strassenkinder zu schaffen.
"Wenn einer träumt, ist das nur ein Traum. Wenn mehrere gemeinsam träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit". Das neue Kinderdorf soll auf einem Grundstück entstehen, das vorher als Reisfarm genutzt wurde. Grünland mit Büschen und Bäumen und mit grossen Wasserflächen. Wo früher Reis, das thailändische Grundnahrungsmittel gedieh, wird man auch den Hunger loswerden ... Dies ging mir durch den Kopf, als ich das erste Mal von den Plänen hörte.
 
Auf diesem neuen Gelände wird ein neuer Lebensraum für die Kinder von Childlife entstehen. Im Januar 2002 wurde mit dem Bau begonnen. Kein Standort wäre geeigneter: weit von der Strasse und der berüchtigten Brücke entfernt. In einer gesunden Umgebung mit frischer Luft.
Das neue Projekt, neues Leben. Mit der Möglichkeit, mit und in der Natur zu lernen und zu wirtschaften und damit auch einen Schritt in Richtung Selbstversorgung und Unabhängigkeit zu gehen. Ein grosser Teich in der Mitte des Geländes lädt zum Badespass ein und ermöglicht die Fischzucht. Genug Land ist vorhanden, um Gemüse anzubauen und einige Tiere zu halten.
Ein Lächeln kostet nichts und bereichert die, die es empfangen ohne die, die es verschenken zu belasten.
Das ist die Liebenwürdigkeit und die Gastfreundschaft der Menschen in Thailand.
Die ehemaligen Strassenkinder, die von Childlife betreut werden, können wieder lächeln.
© Fotos: Alfred Knappmann, Lünen
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