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Archiv 2002

Was können die Deutschen und die Thailänder voneinander lernen?

Von Girawadee Khaow-orn (1. Preis)

Was ist typisch Deutsch - was ist typisch Thai?

Wenn man behauptet, dass dieses oder jenes typisch Deutsch oder typisch Thai sein soll, landet man sehr schnell bei Vorurteilen oder Klischees. Nicht alle Thais oder Deutsch verhalten sich in derselben Situation gleich, denn jeder Mensch ist anders. Da ich noch keine endgültige Antwort auf die Frage nach dem typisch deutsch/typisch thai gefunden habe, ist es mir wichtig zu erwähnen, dass der folgende Beitrag aus meinen persönlichen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erlebnissen als thailändische Studentin in Deutschland entstanden ist.

Ich kam, sah und lerne!

Wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen, bedeutet dies nicht gleich einen "Clash of civilization". Heute ist - im Hinblick auf die fortschreitende Entwicklung der Kommunikationstechnologie - unsere Welt viel kleiner geworden. Durch das Internet und die Medien werden Raum und Zeit überwunden und Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammengebracht. Es hängt also von jedem Menschen ab, wie er mit dieser Entwicklung umgeht. Man kann dies als Bedrohung ansehen und sich daher von fremden Kulturen abgrenzen. Oder man kann die Möglichkeit nutzen, um fremde Kulturen kennen zu lernen.

Ich habe das Glück, in zwei Kulturen zu leben, in der Deutschen und der Thailändischen. Dadurch habe ich die Möglichkeit tiefe Einblicke in beide Kulturen zu bekommen. Diese Erfahrung macht mich zwar nicht zu einer "Expertin in Sachen deutsche oder thailändische Kulturen", denn viele Verhaltensmuster der Thais und der Deutschen werden für mich immer unverständlich bleiben, trotz der langen Aufenthalte in beiden Ländern. Doch zumindest wurde mir dadurch klar, dass beide Kulturen in ihren Art und Weise etwas "Gutes" haben. Meiner Meinung nach wäre es ideal, wenn Menschen aus beiden Kulturen bereit wären, uneingeschränkt voneinander zu lernen.

Ich habe während meines Aufenthalts in Deutschland viele verschiedene Deutsche kennen gelernt. Selbstverständlich hat jede Person ihren eigenen Charakter mit seinen Eigenheiten. Mir ist aufgefallen, dass bei den meisten Deutschen der Sinn für "Individualität" besonders stark ausgeprägt ist. Der Glaube, dass alle Menschen von Geburt an gleich sind, ist hier in Deutschland nicht nur ein "Spruch", denn man aus idealistischen Gründen im Grundgesetz verankert hat, sondern eine "Volksnorm", die sich auch stark im Bewusstsein für die Individualität jedes Einzelnen widerspiegelt. Dieses Bewusstsein ist im Verhalten vieler Deutschen deutlich bemerkbar, vor allem in Situationen, in denen sie sich in ihren Rechten oder in ihrer Persönlichkeit angegriffen fühlen. Die Menschen sind sich ihrer individuellen Rechte bewusst und haben daher keine Hemmungen dieses dem Anderen gegenüber auch zu zeigen. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen, die sich nicht kennen, in der Öffentlichkeit über zum Teil belanglose Themen, wie zum Beispiel wer zu erst am Wurststand drankommt, laut und unnachgiebig streiten.

Dieser Sinn nach Individualität führt zu weiteren spezifischen, meiner Meinung nach, positiven Merkmalen. Die Deutschen sind sehr selbstbewusst, das heißt, sie haben überhaupt keine Scheu, ihre Meinung einfach in der Öffentlichkeit kund zu tun. Als thailändische Studentin in Deutschland habe ich oft erlebt, dass ein Kommilitone eine heftige Diskussion mit dem Professor führt, wenn er mit diesem nicht einer Meinung ist. Hierbei wird mir ganz schnell klar, dass es sich nicht um eine Diskussion zwischen einer unerfahrenen, jüngeren und in der Gesellschaft dem Professor untergeordneten Person und einer weisen, gelehrten, erfahrener, älteren und in der Hierarchie höher gestellten Person handelt. Im Gegenteil: Es diskutieren hier zwei gleichgestellte Personen, die schlicht und einfach nicht derselben Meinung zu einem bestimmten Thema sind. Das "Anders-Denken" bedeutet also nicht gleich, dass ein Konflikt vorliegen muss, sondern kann auch eine Bereicherung im gesellschaftlichen Dialog sein. Durch Diskussionen und Austausch von Meinungen kann somit etwas Neues und vielleicht sogar Besseres für das gesellschaftliche Zusammenleben entstehen.

Menschen, die anderer Meinung sind und ohne Hemmungen in der Öffentlichkeit ihre Ansichten äußern, haben meistens auch keine Angst "anders" zu sein, und sich abzugrenzen. Begriffe, wie das Kollektiv und Gruppenzwang haben natürlich auch eine Bedeutung ein der deutschen Gesellschaft, jedoch nicht so intensiv, dass die Individualität des Einzelnen darunter zu leiden hat. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, wenn eine Studentin in der Mensa allein am Tisch sitzt und ihr Mittagessen zu sich nimmt oder alleine im Park spazieren geht oder sogar allein in den Urlaub fährt. Allerdings führt der Sinn für Individualität nicht immer nur zu guten Eigenschaften. Es droht die Gefahr, dass man zu sehr "Ich-bezogen" handelt. Dann denkt man nur noch an sich und eigene Rechte, Wünsche, Gefühle und stellt diese nur in den Vordergrund. Dann beachtet man auch nicht mehr die Gefühle und Wünsche seiner Mitmenschen und nimmt zwangläufig weniger Rücksicht auf sie.

Ein Beispiel in der Alltagsituation eines thailändischen Studenten, der seit 6 Monaten in Deutschland ist und die DSH-Prüfung mit Mühe und Not bestanden hat. Am Wurststand in einem Kaufhaus versuchte er nun in möglichst fehlerfreiem Deutsch seine Bestellung dem Verkäufer mitzuteilen. Im Grammatik ist er sehr gut, doch mit dem Sprechen ist doch noch sehr schwierig, da es ihm noch an Praxis fehlt. Die Reaktion des Verkäufers war daher nicht sehr freundlich. Anscheinend ging es diesem nicht schnell genug mit der Bestellung. So forderte er den thailändischen Studenten laut und bestimmt, mit den Worten auf: "Gehen Sie doch bitte erst mal zur Seite, und kommen Sie wieder, wenn Sie wissen, was Sie sagen wollen. Die anderen möchten ja auch noch drankommen." Verschämt und niedergeschlagen ging der thailändische Student daraufhin nachhause. Ob er je wieder Appetit auf Wurst bekommen und ob er bei diesem Verkäufer noch einmal etwas kaufen möchte, ist sehr fraglich, doch diese Erfahrung wird er sicherlich nie vergessen. Für den Verkäufer war der Student offensichtlich nur ein Hindernis in seinem täglichen Geschäft. Wahrscheinlich war ihm nicht einmal bewusst, dass er den Studenten verletzt hatte. An Hand dieses Beispiel, möchte ich zeigen, dass, wenn man zu sehr "Ich-bezogen" handelt, die Gefühle der Mitmenschen vergisst und mit seinen Worten andere (bewusst oder unbewusst) verletzten kann.

Die Thais gehen, meiner Meinung nach, behutsamer mit den Gefühlen ihrer Mitmenschen um. Sie meiden es andere öffentlich zu beleidigen oder sie in Verlegenheit zu bringen. Jemanden in der Öffentlichkeit bloßstellen, ist das Schlimmste, was man einem Thai antun kann. Ausdrücke, wie zum Beispiel Greng chai oder Au chai kau ma sai chai rau lassen sich daher nur schwer ins Deutsche übersetzen. Die Übersetzungsschwierigkeiten gründen sich allerdings auch aus den ungleichen kulturellen Grundgedanken für gesellschaftliche Umgangsformen.

Doch der behutsamere Umgang mit Gefühlen bringt auch nicht immer nur das Positive zu Tage. Die Thais legen sehr viel Wert auf den harmonischen Umgang miteinander und untereinander. Oft wird aber nicht die Wahrheit gesagt und dies nur, um seinen Mitmenschen nicht zu verletzen. Dadurch bleibt die Ehrlichkeit oft auf der Strecke. Hinzukommt, dass das Andersdenken und Anderssein oft als lästig und unakzeptabel von einer Mehrheit der Thais angesehen wird. Daher sind die Thais eher "Gruppen-bezogen". Zwar wird auch begrüßt und geschätzt, wenn ein Thai öffentlich seine eigene Meinung und Kritik äußert, aber er sollte zuerst überlegen, wer vor ihm steht. Denn die Thais sind von einem gesellschaftlichen "Hierarchie-Denken" geprägt. Deshalb sind sie sehr vorsichtig mit Kritik und Meinungsäußerungen gegenüber älteren Personen der Gesellschaft.

Als Fazit kann gelten, dass beide Kulturen etwas "Gutes" haben. Durch das starke Bewusstsein für eigene Individualität sind die Deutschen sehr selbstbewusst, wenn es darum geht eigene Rechte zu verteidigen. Jedoch grenzen sie sich dadurch von der sozialen Umwelt ab und machen sich damit nicht immer ihre Mitmenschen zu Freunden, da sie deren Gefühle verletzen können. Allerdings führt die Rücksichtnahme der Thais auch nicht immer nur zu einem harmonischen Zusammenleben, da dies auf Kosten der Ehrlichkeit geschieht und damit Probleme nicht gelöst werden, sondern nur verdrängt werden.

Wenn die Thais von den Deutschen in der Hinsicht etwas lernen können, dann bedeutet dies auch nicht eine komplette Übernahme der deutschen Verhaltensmuster in Sachen Individualismus. Denn Lernen soll ja nicht nur aus Nachahmung bestehen, sondern Ziel sollte sein, Verständnis für die andere Kultur aufzubringen. Sowohl für Deutsche, wie auch für Thais sollten Individualität aber auch Rücksichtnahme im Umgang miteinander möglich sein. Es ist nicht falsch, eigene Rechte zu verteidigen oder offen seinen Standpunkt zu vertreten. Es gibt jedoch auch Wege, seine Worte so zu wählen, dass der andere sich nicht verletzt oder bloßgestellt fühlen muss.

Eine andere fremde Kultur sollte nicht per se als unakzeptabel betrachtet werden. Vor allem die thailändischen Studenten in Deutschland haben die besten Chancen dieses zu erfahren und weiterzugeben.

Für mich persönlich wird Deutschland nicht nur als ein Land der führenden Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und sozialem Zusammenleben in Erinnerung bleiben, sondern auch als ein Land mit Menschen, die ihre Rechte und Pflichten sehr ernst nehmen. Es ist für mich daher sehr erstrebenswert, einige der "typisch deutschen" kulturellen Eigenschaften - zusammen mit einem Hochschuldiplom in Politikwissenschaften - mit in meine thailändische Heimat zu nehmen. Erst mit diesen Erfahrungen kann ich dann von mir behaupten, das Studium in Deutschland erfolgreich abgeschlossen zu haben.


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