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Was können die Deutschen und die Thailänder voneinander lernen?
Arthitaya Kosolkamolmas
Montagnachmittag in der Metropole Bangkok. Langsam wacht Nog auf, mit einem kurzen Blick auf ihre Uhr vergewissert sie sich die Zeit. Es ist kurz vor 12 Uhr. Ihr Magen knurrt, Zeit für das Mittagessen. Auf Frühstück hat sie schon vor langer Zeit verzichtet. Es besteht ja kein Grund mehr für sie früh aufzustehen. Ihr Studium hat sie vor fast zwei Jahren abgeschlossen, aber einen Job hat sie nicht gefunden. Im Haus ist es totenstill, ihre Eltern müssten schon vor sieben Stunden das Haus verlassen haben um rechtzeitig an ihre Arbeitsplätze zu kommen. Fünf Uhr morgens aufstehen ist unmenschlich früh denkt sie, aber die einzigste Waffe gegen den täglichen Verkehr in Bangkok. Gestern Abend hat sie sich im Fernsehen eine Reportage über jugendliche "Farang" (weißhäutige Westländer) angesehen und das Thema hat sie bis jetzt beschäftigt. Nog lässt sich die Reportage noch einmal durch den Kopf gehen und erinnert sich an Einzelheiten: Mit 15 Jahren haben diese Jugendliche durchschnittlich zum ersten Mal Geschlechtsverkehr, mit 20 verlassen sie spätestens ihr Elternhaus um entweder zu studieren oder einen Beruf/Lehrstelle nachzugehen. Auch nach langer Überlegung kann sich Nog mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Mit 16 hatte sie zum ersten Mal richtige gegengeschlechtliche Freunde erinnert Nog sich zurück. Ihr Studium fing sie mit 20 an und wohnte gleichzeitig bei ihren Eltern. Ihren Traumberuf musste sie damals aufgeben, weil die Tätigkeit ihren Eltern nicht gefiel, aber schlimm ist es nicht. Das sind jetzt drei Jahre her. Sie hat ihre Familie und ihre Freunde, die wichtigsten Sachen in ihrem Leben. Ihren Beruf wird sie ohnehin aufgeben müssen, wenn sie geheiratet und Kinder gekriegt hat. Selbstständig und Unabhängig zu werden ist für sie nicht Grund genug ihr Zuhause bei ihrem Eltern aufzugeben. Plötzlich fällt Nog eine Verabredung mit ihren besten Freunden ein. Zu spät kommen ist nicht immer angenehm, aber unter Freunden kann man es sich erlauben. Mit diesem Gedanken geht sie unter die Dusche. 30min. später ist sie fertig angezogen und machte sich auf dem Weg. Am Verabredungsplatz kommt sie eine Stunde später an. Alle ihre Freunde sind schon da. Keiner von ihnen verzieht ein Gesicht, als sie Nog bemerkten. Lächeln auf allen Gesichter, den Gefühlen und Problemen gilt es hier in Thailand nicht vor Freunden oder in der Öffentlichkeit zu zeigen. Eine Entschuldigung, ein kurzes Lachen und die Sache ist vergessen. Bloß nicht ernst werden oder Ärger machen, besser Nog taucht spät auf als gar nicht. Was heute Nog und ihre Freunde bevor stehen sind Kino, shoppen, Gespräche über die neueste Mode, Aussehen, Figur. Heute Abend wird sie ins Bett fallen mit der Gedanke, dass es ihr nicht zu schlecht geht. Ihre Eltern sind altmodisch, aber nicht zu radikal. Sie wird erkennen, dass sie im Vergleich zu Farang wie ein Kind wirken muss und trotzdem froh drüber sein. Sie wird eine gewisse Unabhängigkeit vermissen. Der Gedanke bevor sie einschläft wird sein ihre Eltern zu fragen, ob sie nicht doch den Job machen kann. Ganz vorsichtig, vielleicht ...
Circa 10000 km Luftweg westlich von Bangkok entfernt liegt Deutschland. In dem Bundesland Niedersachsen, Stadt Braunschweig wohnt Anna. Ursprünglich kommt sie aus Frankfurt, zog aber ihr Studium Wille mit 20 nach Braunschweig. Der Montag fängt für sie um sechs Uhr an. Früh aufstehen ist nicht ganz ihre Spezialität, aber diese Hausarbeit muss sie mal endlich beenden, bevor sich ihr Studium zum zweiten Mal verlängert. Beim Frühstück lässt sie sich ihre finanzielle Situation durch den Kopf gehen. Das BAföG plus der monatlichen Unterstützung ihrer Eltern und ihr Nebenjob haben es ihr bis jetzt ermöglicht diese 40qm Wohnung und ihr Auto neben dem Studium zu finanzieren. Aber was ist in fünf Monaten, wenn das Kind kommt? Sie hat keine Ahnung. Da die Schwangerschaft ungewollt ist, ist Anna in keine Beziehung. Auf dem Vater kann sie nicht zählen, der kommt noch schlechter mit der Situation klar als sie. Eine Heirat kommt für sie nicht in Frage, Abtreibung auch nicht. Sie wird die Sache wohl irgendwie durchziehen müssen. Eine kleinere Wohnung und den Verzicht auf das Auto könnten ihr Konto auffüllen. Einige enge Freunde hat sie, die sie vertrauen kann und ihre Eltern sind ja auch noch da. Mit ihnen hat sie seit sie ausgezogen ist nur noch telefonischen Kontakt, aber über einen Enkel werden sie sich bestimmt freuen. Ihr Studium möchte sie um jeden Preis beenden. Die Vorstellung als Hausfrau die ganze Zeit zu Hause zu sitzen und sich um die Kinder kümmern ist wie ein Alptraum für sie. Plötzlich erscheint auf ihr Gesicht ein Lächeln, denn sie erinnert sich an eine alte Freundin. Ihr Name ist Maew und kommt aus Thailand. Wenn Maew wüsste wie es ihr heute geht wird sie bestürzt sein denkt Anna und erinnert sich an ihre alte Freundin. Maew ist so alt wie sie selbst, aber irgendwie noch ein Kind vergleicht Anna. Naivität, Freundlichkeit und Korrektness zeichnet sie aus. Trotz der kindlichen Art, wie sie die Welt sah, wusste Maew wohl doch genug von den bösen Seiten, dass sie ihre Eltern nach Deutschland gelassen hat. Vielleicht
würde auch mir diesen kindlichen Optimismus glücklicher machen überlegt sich Anna und fängt mit dieser Gedanke ihre Hausarbeit an.
Offenbar existieren Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion. Während es für Nog wichtig ist bei ihrer Familie wohnen zu bleiben kommt für Anna ein Leben unter Obhut und Abhängigkeit ihrer Eltern nicht mehr in Frage. Was sagt ein Dritter zu dieser Lebenslage? Möglich ist, dass er den Mittelweg wählt. Ein unabhängiges Leben durch viele Unterstützung und Hilfestellungen der Familie. Ohne auf weitere explizite Unterschiede einzugehen hat sich die Antwort auf die Ausgangsfrage schon geformt: Jeder Einzelner muss für sich erkennen und entscheiden, was er von einer anderen Kultur lernen und übernehmen möchte. Und genau in diesem Punkt liegen die Probleme. Man muss bevor man interkulturelles Lernen ermöglicht die Vorraussetzungen dafür schaffen. Der erste Schritt ist das Erkennen der Unterschiede zwischen sich und dem Anderen, das Akzeptieren von Stärken und Schwächen voneinander. Gefolgt von Toleranz gegenüber der Fremde und viel Offenheit ist das interkulturelles Lernen nicht mehr so schwierig, den voneinander lernen kann man immer, wenn auch nur das Lernen zu bemerken, dass man noch so wenig weiß. Fazit: Augen und Verstand offen halten, insbesondere das Herz.
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