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Archiv 2002

Was können die Deutschen und die Thailänder voneinander lernen?

Natscha Kosolkamolmas

Sei es in der Medizin, im Bildungssystem oder im Verkehrswesen, Deutschland als Industrieland ist uns in seiner Entwicklung und Technologie im Voraus. Die Frage, die man sich stellt, ist nicht wie wir in die Fußstapfen Deutschlands treten, denn das wird schwierig zu bewältigen sein. Genauso wenig können wir uns den kommenden Fortschritt widersetzen. Da alles seinen Preis hat, musste Deutschland für seine Entwicklung Opfer bringen. Werden wir ebenfalls denselben Preis zahlen?

Deutsche sind vom Grund auf korrekte Menschen. Sie halten sich, wenn auch nicht streng, an die Gesetze und gesellschaftlichen Regel. Dies ermöglicht, wie man es sehen kann, den Aufbau eines sozialen Rechtsstaates. Der Gedanke an das Wohl der Gemeinschaft und sich das "Robin Hood" Prinzip als Ziel zu setzen und zu realisieren, ist bewundernswert und vorbildlich. Bei uns liegt das gemeinschaftorientiertes Denken in der Kultur, wir kennen es, doch es gibt, wenn überhaupt, nur wenige, die es ernsthaft glauben und es in die Tat umsetzen. Es liegt möglicherweise daran, dass es uns im Gegensatz zu Deutschen an selbständiges Denken mangelt. Dazu muss man sicherlich ein zwar noch von den Eltern finanziell abhängiges aber geistig unabhängiges Leben führen. Die meisten Deutschen haben das Bedürfnis nach dem Abitur das Elternhaus zu verlassen, um ihr eigenes Leben nach dem Motte "Ich bin mein eigener Herr" zu erleben. Diese Anarchie eröffnet ihnen die Fähigkeit das Recht der Meinungsfreiheit zu bemächtigen. Dinge werden hinterfragt, Sachverhalte diskutiert, Gut und Böse abgewogen. Zum Beispiel kam es nach dem Amoklauf von Erfurt zu Unmengen an Diskussionen und unmittelbar danach wurde die Freigabe entsprechender Computerspiele ab 18 Jahren beschlossen. Auf der anderen Seite der Welt ist man froh, dass man auch ohne einen Heim-PC, in Internetshops Zugang zum Internet hat. Jedoch werden unkontrolliert zugelassen, wie 8-18 Jährige stundenlang mit brutalen, gewaltverherrlichenden Spiele ihre Zeit verschwenden. Wann wird bei uns darüber diskutiert, um dem ein Ende zu setzen? Durch ihre Selbständigkeit, sind Deutsche ihrer Selbst bewusst, sie machen ihr leben nicht abhängig von anderen, sie bestimmen und entscheiden für sich über ihren Lebensweg. Nach der Schule steht ihnen alles offen, Geld spielt nicht die entscheidende Rolle, Studium ist nicht Zwang, manche verreisen, um die Welt für sich zu entdecken und andere nehmen sogar freiwillig an einer Hilfsorganisation in Afrika teil. Vielleicht erklärt dies den ernsthaften Ausdruck in ihren Augen. Denn für sein Leben mit jungen Jahren die alleinige Verantwortung zu tragen, ist mit Sicherheit eine schwere Last, die die meisten gut zu meistern wissen. Was ist mit uns? Wir leben wie es die Eltern und die Gesellschaft von uns erwarten, z.B sollten Schule und Studium möglichst schnell und mit Auszeichnung beenden werden. Keine Widersprüche, denn man lebt ja noch unter der Obhut der Eltern, den Mut zu finden und sich zu widersetzen ist schwierig, schließlich sind das Eltern und sie haben recht.

Trotz dieses Leistungsdrucks, der thailändischen Hitze und des Chaos auf den Straßen, lassen wir unser Lächeln nicht untergehen. Wir versuchen so weit es geht aufgeschlossen und in guter Laune zu sein, um das Slogan "Siam, Land des Lächeln" recht zu behalten. Wir heißen alle Ausländer willkommen und freuen uns, wenn ein "Farang" (thail. Wort für Ausländer) uns nach dem Weg fragt, obwohl wir nur kläglich Englisch sprechen. Ohne voreingenommen zu sein, lässt sich behaupten, dass Deutsche, was den Umgang mit Menschen angeht, nicht das freundlichste Volk ist. Im Gegensatz zu uns, ist ihre Verschlossenheit bekannt; sie wirkt wie ein Panzer gegen die Angst, dass Neues an das Alt bewertete rütteln, dass dabei ihr Lebensrhythmus gestört und dass sie eventuell von ihrem Weg abkommen könnten. Denn ihr Blick gilt meist einer Richtung und das bleibt auch so. Außerdem beklagen sich Deutsche öfters über vorhandene Dinge, wie z.B dass die Bahn nicht pünktlich sei. Dabei übersehen sie völlig, wie hervorragend ihr Transportsystem an sich ist. Deutsche vergessen, dass der Forschritt ein hürdenreicher Prozess ist, sie wissen daher die Dinge nicht zu schätzen und stellen immer höhere Anforderungen. Hinzu fehlt es Deutschen an Motivation, den ihre Fußballmannschaft schaffte es auf zweitem Platz der Weltrangliste, "Made in Germany" garantiert die Qualität und sie gehören bereits zu den führenden Staaten der Welt. Das Volk ist zufrieden, die Arbeit ist getan, man kann ja mal die Gunst des sozialen Staates ausnützen. Vergleich zu Deutschland haben wir nichts, worauf man aufsehen könnte. Dafür bemühen wir uns einen Status zu erreichen. Dieses Bestreben etwas zu erreichen, sei es für sich oder für das Land, zeigt sich u.a so aus, dass sich jedes Jahr Millionen Schüler/innen um die wenigen Studienplätze konkurrieren. Man möchte schaffen, Erfolg und Anerkennung haben, der Spruch "Ohne Fleiß kein Preis" ist uns durchaus bekannt.

Deutschland hat seinen Sättigungspunkt erreicht, von Thailand kann es nichts lernen, was es nicht ohnehin schon weißt. Deutsche können durch uns erkennen, dass ihre Pause ein Ende haben muss. Sie müssen sich wieder einen Ruck geben und sich ihrer Sache verdient machen. Thailand wird eines Tages aus dem Zustand eines Schwellenlandes kommen und den Weg zum Industrieland einschlagen. Daher können wir Deutsche als Vorbild nehmen. Kritisch und selbständig sollten wir lernen zu sein, um den ankommenden Luxus und Fortschritt nüchternd entgegentreten zu können. Dabei wäre es schön, wenn wir unser Lächeln und unserer Offenheit weiterhin behalten können.

 

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