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Was können Deutsche und Thais voneinander lernen oder: die Vision des besseren Miteinanders
Tinya Wollweber
Dieses Thema in drei Seiten zu behandeln ist wie einen Elefanten in ein Taxi zu stopfen: Es ist unmöglich. So kann der Elefant nur in das Taxi hineinschauen, mehr nicht. Aber vielleicht ist das ein Anfang. Meine Perspektive ist vielleicht nicht nur thai oder deutsch, sondern hat etwas aus anderen Ländern.
Gewiss war Deutschland oder Europa mein Ausgangspunkt, denn hier habe ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend verbracht. Doch dann war ich 1994 für vier Wochen bei meinem Opa in Lamphun, Nordthailand. Von da an beschäftigte ich mich mit Thailand und fand, dass es in Thailand etwas gab, was ich in Deutschland vermisste.
Zum ersten Mal spürte ich etwas in mir aufsteigen, so etwas wie Stolz. Stolz auf das, was auf Thai "suphap" heisst. Es ist die Höflichkeit, der Respekt anderen gegenüber. Auch das Wasser des Herzens, "namjai", könnten die Deutschen gut gebrauchen. In Deutschland ist man oft so egoistisch... Deutsche sollten vielmehr an das Wohl der Gruppe denken als an nur an sich selbst. "Krengjai", das Herz der anderen fürchten. Aber es gibt noch, was die Deutschen von den Thais lernen können. In Hamburg, wo ich wohne, gibt es viele Bettler. Sie leben auf der Straße, ob wohl sie noch zwei Arme und Beine zum arbeiten haben. Thailand betteln nur jene, die wirklich nicht arbeiten können, sei es dass sie körperlich behindert sind oder zu alt. Thais können sich besser durch das Leben durchschlagen, während die deutsche Gesellschaft den Faulenzern leicht macht auf Kosten anderer Leute zu leben. In Thailand gibt es immer wieder Möglichkeiten, sein eigenes Geld u verdienen, und sei es nur ein paar Bath. Leute sammeln Müll, fahren Rikscha, verkaufen Kleinigkeiten am Rande der Straße. In Deutschland jedoch wird eine solche Eigeninitiative durch Verordnungen und Gesetze verhindert. Meine Mutter erzählt gerne die Geschichte von einem thailändischen Studenten, der nach seinen Abschluss keine Arbeit fand. Statt von der Sozialhilfe zu leben, eröffnete er eine Garküche am Straßenrand. Heute ist er Besitzer einer Restaurantkette. Solchen Unternehmergeist brauchen die Deutschen, wenn sie ihre Wirtschaft wieder in Schwung bringen wollen.
Ich liebe Thailand, aber mit der Zeit fallen mir auch die Schwächen auf, oder es wird mir klar, dass mir eine Menge Dinge fehlen werden, falls ich einmal in Thailand leben sollte (was ich sehr hoffe). Am meisten stört mich die "High Soc" in Thailand auf, die denken, dass sie etwas besseres wären, nur weil sie Geld haben. Sie schauen auf andere herab, etwa ihre Bediensteten oder Leute, die ärmer sind. An den Deutschen gefällt mir, dass sie ihren Reichtum nicht so offen zeigen, zumindest nicht Oberschicht. Außderdem können die Thai von den Deutschen lernen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. In Thailand wäre das Leben bestimmt einfacher, würden nicht alle immer auf ihr Gesicht achten (raksaa naa). "Nobody's perfect" wäre ein guter Spruch für Thailand. Auch könnten die Thais lernen, mehr mit sich selbst anzufangen, Hobbies haben und wissen was man in der Freizeit machen kann, ohne gleich Shopping zu gehen oder nur fernzusehen. Dinge, die Thais meiner Meinung nach von den Deutschen (aber nicht nur von ihnen) lernen könnten, betreffen mehr die Denkweisen. Etwa Probleme anzusprechen und auch die unangenehmen Dinge zu diskutieren. Das Leben ist nicht nur "suai", "sanuk", "sabai", sondern voller "Panha", die gelöst werden wollen. Ich möchte hier nicht über große Dinge wie Politik oder Wirtschaft reden. Vielmehr sind es die kleinen Dinge, in den Familien, zwischen Personen. So sehr ich es beispielsweise finde, dass Kinder ihre Eltern respektieren sollen, so bedeutet das nicht, dass die Eltern nur sagen was ihr Kind tun und lassen soll. Eltern sollten ihren Kindern auch zuhören können. Probleme und auch die weniger angenehmen Dinge sollten gemeinsam besprochen und gelöst werden. Von Thai-Vätern wünsche ich mir, dass sie mehr Zeit für ihre Familien nehmen, sich mehr um die Ehefrau und die Kinder kümmern. Die Gleichberechtigung muss endlich in den Köpfen ankommen. Aber alles nicht auf die deutsche "Hau ruck"-Art, sondern asiatisch-sanft.
Verantwortung ist etwas, das auch in Thailand gibt: "rabphidchorp". Aber es muss meiner Ansicht nach mehr davon geben. Verantwortung für das was man selbst tun, aber auch für das, was andere tun. Zivilcourage ist, was wir in Thailand ganz dringend brauchen. Nicht wegsehen, wenn jemand die Umwelt verschmutzt, wenn Unrecht geschieht. "Taam jai khue Thai thae" (richtig Thai ist es den anderen nach seiner Façon zu lasen) ist eine gute Sache, da es Toleranz fordert. Aber es hat seine Grenzen. Wie war das? Steht nicht das Wohl der Gemeinschaft über das Wohl des Individuums? Das muss folglich auch gelten, wenn jemand dabei ist, Müll in einen See zu kippen. Ich wünsche mir von Thais den Mut, hinzugehen und zu sagen: So nicht! Eigentlich ist das nur eine konsequente Umsetzung dessen, was als typisch asiatisch gilt: Jeder hat seine Pflichten. Und die Pflicht lautet Gemeinwohl.
Sicherlich, die Dinge die ich fordere, sind nicht einfach umzusetzen, aber sind das nicht Werte, die nicht nur deutsch oder thai sind, sondern auf der ganzen Welt gelten? "Lebe so, wie Du es vor Dir und Deiner Umwelt und Mitmenschen verantworten kannst" ist ein schöner Satz, und eigentlich ist es nicht schwer, danach zu leben. Jeder kann es tun, egal, aus welchem Land er oder sie kommt. Und vor allem: wir können es sofort tun, nämlich bei uns selbst. Das ist die Grundvoraussetzung für eine bessere Welt. Und diese Vision müssen wir haben. Nicht nur für Thailand, nicht nur für Deutschland, sondern für alle Menschen dieser Erde.
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