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Reiseskizzen von Alfred Knappmann
Auf meinen Reisen durch Thailand habe ich nicht nur die touristischen Highlights, sondern auch bittere Armut gesehen. In den Slums, vor allem in Klong Toey in Bangkok, haben viele Kinder nicht einmal täglich zu essen. Nicht selten vernahm ich die Worte "Heute habe etwas zu essen, aber morgen wird es vielleicht nichts geben".
Die Rolle des Touristen, der nur die Schönheit Thailands genießt ist längst vorbei. Die Not der Kinder liess mich nicht mehr ruhen, denn sie sind es, die unter der Armut und der Kriminalität, Rauschgiftsucht und Prostitution am meisten zu leiden haben.
So bekann ich, bei meinen oft mehrmonatlichen Aufenthalten in Thailand Stiftungen und Projekte, die sich um die Ärmsten der Armen bemühen, vor Ort zu besuchen. Ich wollte mehr erfahren über die Ursachen der Not und über Wege, die aus dem Elend herausführen können.
Am 7. Januar 2002 kam ich von Chiang Rai aus mit dem Minibus morgens in Mae Sai an, der kleinen Stadt an der Grenze zu Myanmar, die sich stolz "Der nördlichste Punkt Thailands" nennt.
In Mae Sai führte mich mein erster Besuch zum Projekt DEPDC (Development and Education Programme for Daughters and Communities). Hier kümmert man sich in erster Linie um junge Mädchen, die - sei es durch Armut oder durch den Druck von Verwandten und Freunden - in Gefahr sind, in die Prostitution gedrängt oder gelockt zu werden. Schulbildung, Betreuung und handwerkliches Training bieten diesen Mädchen einen oft erfolgreich beschrittenen alternativen Weg.
Im Projekt angekommen, kam mir ein freundlich lächelnder Thai entgegen, der sich mit dem Namen Sompop Jantraka vorstellte. Mein erster Eindruck: Ein sehr fröhlicher Mensch mit einem grossen Herzen für Menschen und vor allem für Kinder. Khun Sompop stellte mir seinen jungen Helfer aus Lappland vor, und in fröhlicher Runde wurde mir das Projekt erläutert.
DEPDC liegt an einem spektakulären Standort, am Fusse oft durch Nebel oder Wolken verschleierter bewaldeter Berge. Alles scheint seit Ewigkeiten hierher zu gehören. Die Schönheit der nordthailändischen Natur ist überwältigend.
Aber es wäre trügerisch, die Wirklichkeit nicht zu erkennen, nicht zu begreifen, was es bedeutet, direkt an der Grenze zu Burma in Not und Armut zu leben und eine Familie mit oft etlichen Kindern wenigstens mit Reis bis zum nächsten Tag versorgen zu müssen. Die vielen lauernden Gefahren, Ängste und Nöte sind für uns, die wir als Besucher hierher kommen, unvorstellbar.
Doch die Kinder, die sich im Schutzkreis des Projektgründers Khun Sompop bewegen, haben neue Hoffnung auf ein sicheres und besseres Leben gewonnen. Hier sind Lebensräume entstanden, um etwas für das Leben zu lernen und mit dem Nötigsten versorgt zu werden.
Aber die finanzielle Not des Projekts ist unübersehbar. Das Spendenaufkommen ist spärlich und schon einige Male war das Überleben dieser Heimstätte für Kinder und Jugendliche gefährdet.
Ich bedanke mich bei Khun Sompop und seinen Helfern für die freundliche Aufnahme bei DEPDC.
Mein Weg führt mich weiter zum Projekt "Kinderleben", ebenfalls in Mae Sai. Mit einem freundlichen "Sawasdee" werde ich von Khun Ngaow, dem Gründer und Leiter des Projekts empfangen.
Ngaow ist ein 28-jähriger Thai, dem nach seinem Kunststudium die Welt offen steht. Aber er hat sich dafür entschieden, seine ganze Arbeitskraft den Strassenkindern zu widmen, Kindern, für die sich niemand zuständig fühlte und die sich selbst und ihrem Schicksal überlassen wurden.
Khun Ngaow stellt mir Ralf vor, einen jungen Helfer aus der Schweiz. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik hatte er eine gute Anstellung in der Schweiz gefunden. Die hat er jetzt erst einmal aufgegeben, um sich hier im Nordzipfel Thailands um die Strassenkinder zu kümmern. Wie alle Helfer tut er dies ohne Lohnzahlung. Die Tag-und Nacht-Betreuung stellt dabei hohe Anforderungen an die Helferinnen und Helfer.
Ralf zeigt mir das Projekt. Seine Begeisterung ist spürbar, selbst über die kleinsten Fortschritte kann er mit Bewunderung berichten.
Das Haus des Strassenkinderprojekts befindet sich am Ende einer kleinen Nebenstrasse in einem Wohngebiet am Rande von Mae Sai. Der Blick geht frei über die nahen Reisfelder und Berge.
Das Haupthaus und die neben Gebäude sind sehr klein und beengt. Er wurde viel an dem Gebäude gearbeitet, um es einigermassen bewohnbar zu gestalten. Doch auch hier ist die Not nicht zu übersehen.
Im Haupthaus befindet sich ein kleines Büro und die Arbeits- und Schlafräume der Helfer und der Kinder. Alle schlafen auf Strohmatten auf dem Fußboden obwohl es hier im Januar recht kalt ist. Warme Wolldecken für die Kinder fehlen. Es wirkt alles sehr karg und dürftig. Das Zubereiten der Speisen ist nur im Freien möglich. Die Problemliste ist lang, doch die Helfer bemühen sich, alles perfekt und sauber und geordnet zu halten.
Dennoch, die Kinder die ich sah, waren sehr glücklich, in der Stiftung leben zu dürfen. Viele Kinder, die in das Projekt gekommen sind, haben durch schwere traumatische Erfahrungen ihr Lachen verloren. Es dauert lange und bedarf viel menschlicher Wärme und Zuwendung sowie fachlicher Therapie, damit sich die Herzen der Kinder wieder öffnen können und frei werden.
Doch Ngaow, Ralf und seine geschulten Helferinnen und Helfer bringen den Kindern das Lächeln wieder zurück, denn Lachen ist die besten Medizin um grausame seelische Wunden zu heilen.
Später sehe ich an der Brücke über den Mae Sai Fluss, dem Übergang zu Burma, wie selbst kleine Kinder ihre noch kleineren Geschwister mit Tüchern vor der Brust und auf dem Rücken tragen. Der Augenausdruck einiger Kinder ist trübe von Schnüffeln von Klebstoffen. Dieses Rauschgift ist hier ein alltägliches Mittel für die Kleinen, um über den Tag und über die Nacht zu kommen. Ältere Strassenkinder liegen des nachts auf den Strassen und sind berauscht vom Alkohol oder von Giften.
Die Brücke von Mae Sai ist ein kleiner Schmelztiegel der Kulturen, Nadelöhr für Menschenmassen und Ausflugsziel für Touristen, überquert von LKWs mit riesigen Ladungen aus und nach Burma.
Doch für viele Kinder ist die Brücke und das Umfeld zu ihrer neuen Heimat geworden. Beängstigend die vielen traurig schauenden Kindergesichter, als wären ihre Lebensgeister erloschen im täglichen Kampf ums Überleben.
Links von der Brücke befindet sich am Flussufer eine Badestelle. Etliche Kinder spielten und tummelten sich hier fröhlich und laut im kalten Nass. Doch gelegentlich kommen Anwohner und wärfen Abfälle in großen Mengen zwischen die badenden Kinder.
Mit ihrer unbeschreiblichen Naturschönheit ist dies eine Region zum träumen. Die untergehende Sonne versinkt hinter den Bergen und verteilt ihre letzten Strahlen im silbrig schimmernden Fluss. Die Ströme der Menschenmassen sind versiegt und die Touristen sind wieder zurückgekehrt in ihre Hotels. Jetzt sind die Kinder wieder sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Auch ich muss jetzt gehen, weil der letzte Bus nicht auf mich warten wird.
Ralf hatte mir berichtet, dass die Nachbarn des Kinderhauses dem Projekt zunehmend ablehnend gegenüberstehen. Sicherlich war dies einer der Gründe für den Besitzer, den Prachtvertrag für die Stiftung nicht zu verlängern.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erzählt mir Herr Fiedler vom Verein "Kinderleben e. V." von den neuen Plänen und Visionen des Strassenkinderprojekts und seiner Unterstützer in Deutschland.
Auf dem riesigen Grundstück einer Farm etwas ausserhalb von Mae Sai sollen die neuen grosses Anlagen des Projekts entstehen, ganz im thailändischen Stil gehalten und der Natur und Umgebung angepasst.
Wo einst der Reis, das thailändische Hauptnahrungsmittel, gedieh da wird man auch den Hunger loswerden. Auf diesem Grund neue Lebensräume für die Kinder entstehen zu lassen, um ein lebenswertes Leben führen zu können, das muss kein Traum bleiben.
Ich bin sicher, dieser Traum kann Wirklichkeit werden.
Hier finden Sie weitere Informationen:
- thailife - We Care über DEPDC
- die neue Website von DEPDC
- die Website von Kinderleben e.V.
© Fotos & Bericht: Alfred Knappmann
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