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Archiv 2002

Interview mit "Sao Sieng Pin" - Jintara Poonlab

Das große Jintara-Konzert in München am 1. Juni hatten wir leider verpasst. Deshalb war die Freude um so größer, als wir von einem spontan organisierten Auftritt des Lukthung-Superstars am nächsten Tag in einer stuttgarter Disko hörten.

Kurzentschlossen machten wir uns auf den Weg in die schwäbische Hauptstadt. Die Disko war nicht leicht zu finden, ihr Eingang lag etwas versteckt auf der Rückseite eines Shopping-Centers. Als wir den dunklen Eingang endlich gefunden hatten, deutete nichts auf eine thailändische Veranstaltung hin. Aber als wir uns dann hineintrauten, fanden wir einige thailändische Hausfrauen vor, die auf der Galerie der Disko eifrig damit beschäftigt waren, Unmengen von thailändischem Essen zuzubereiten. Wir konnten also nicht falsch sein.

Jintara sollte um 15:00 Uhr aus München ankommen, doch ihr Wagen steckte irgendwo auf der Strecke im Stau. Stunden später traf sie endlich ein. Fast hätten wir sie nicht erkannt, klein, schmächtig und in Jeans und Regenjacke gekleidet, deutete nicht darauf hin, dass einer der ganz grossen Stars des Lukthung vor uns stand.

Jintara ist von entwaffnender Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, von Starallüren keine Spur. Bereitwillig setzte sie sich mit uns zum Interview in das Strassencafe vor der Disko. Fast ein wenig schüchtern antwortete sie auf unsere ersten Fragen. Das Eis war aber schnell gebrochen, als sie erfuhr, dass ihre Interviewerin auch aus dem Isaan stammte.

Nur wenig später bei ihrem Auftritt war sie dann wie verwandelt. Die kleine Schar derjenigen, die das Glück hatten, bei diesem ungewöhnlichen Auftritt dabei zu sein, erlebte ein Konzert der Spitzenklasse, eine Jintara, die pure Lebensfreude und Spass am Lukthung versprühte.

Die Disko, in der sonst eher hammerharte Technorythmen zu hören sind, trug mit ihrem Soundsystem dazu bei, dass viele der Songs hier life weit besser als auf CD oder Kassette klangen.

Und vor allem, der Star war aus allernächster Nähe zu erleben. Kaum einer der Gäste liess es sich nehmen, zusammen mit Jintara für ein Foto zu posieren und ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Jintara, wie wurdest du Lukthung-Sängerin?
Als ich gerade erst 15 Jahre alt war, spielte ich schon bei einer Morlam-Theatergruppe mit. Es war eine kleine Truppe mit dem Namen "Mek Khala" in meiner Heimatprovinz Roi-Et. Ich schloss mich dieser Gruppe zusammen mit meinem Bruder an. Nachdem ich bereits einige Zeit dabei war, nahm ich an einem Singwettbewerb während des Seidenfestivals in Khon Kaen teil. Das ist ein alljährlich stattfindendes großes Fest der Provinz Khon Kaen.

Ich gewann damals zwar nicht beim Wettbewerb, aber ein DJ sah dort meinen Auftritt und hörte meine Stimme. Und sie schien ihm zu gefallen, denn er stellte mich einem Produzenten von Grammy Music vor, Khun Chai Sribualert. Jetzt bin ich schon fast 15 Jahre Lukthung-Sängerin und von meinem ersten Album bis zum heutigen Tag ist er mein Manager geblieben.

Die Leute haben Dir schon früh gesagt, dass du eine großartige Stimme hast?
Schon als ich noch ganz jung war, war singen das Größte für mich. Die Leute in meinem Dorf machten mir oft Komplimente. Sie sagten mir, dass meine Stimme toll klingt und dass ich Sängerin werden sollte. Ich war noch ein Kind, als ich das hörte und natürlich war ich stolz auf meine Stimme. Nun, vielleicht war es auch nur mein Gefühl und es war gar keine so besonders gute Stimme…

Wie war dein erstes großes Konzert? Wie fühltest du dich, als du auf die Bühne gingst?
Daran kann ich mich gut erinnern. Das erste Mal, als ich auf einer wirklichen Bühne auftrat, war beim großen Konzert "Isaan Khiew" - "Grünes Isaan". Das Konzert war eine Veranstaltung im Rahmen der "Isaan Khiew"-Kampagne in Thailand, die zum Ziel hatte, die von der Dürre heimgesuchten Gegenden des Isaan in ihrer Entwicklung zu fördern. Ich arbeitete zu dieser Zeit bereits für Grammy. Viele berühmte Sänger von Grammy wie die Superstars "Bird" (Thongchai McIntyre) und "Thoo" (Nantida Keawbuasai) traten bei diesem Konzert auf. Sie waren beide sehr nett zu mir, dem Neuling. Sie nahmen mich an meinen Händen und führten mich zur Bühne. Ich war so aufgeregt, dass ich in diesem Moment kein einziges Wort herausbringen konnte.

Für eine Sängerin, die bei einer so großen Music Company wie Grammy unter Vertrag stand, gehörte es einfach dazu, ein sehr modisches Outfit zu tragen. Ich fand damals, dass dies für mich als ein junges Mädchen aus dem Isaan nicht passte. Für meinen Auftritt bei der Isaan Khiew Show sollte ich damals eine schulterfreie Bluse tragen. Das war mir etwas zu gewagt und ich wollte mit dieser Garderobe nicht gern auftreten. Aber die beiden Stars sagten mir, dass es doch nett aussah und dass die Bluse mir gut stehen würde. Dann wurde es auch höchste Zeit, mich umzuziehen und auf die Bühne zu gehen für meinen ersten Auftritt bei diesem großen Konzert.

Ein zweites Erlebnis, dass mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war mein Auftritt beim "Ched See Concert" ("Sieben Farben Konzert") des thailändischen Fernsehsenders TV 7. Ich konnte damals noch nicht besonders gut die offizielle zentralthailändische Sprache sprechen. Ich war ja gerade erst aus dem Isaan gekommen und zuhause hatten wir im täglichen Leben immer unseren Isaan-Dialekt gesprochen. Als ich meine typischen Isaan-Ausdrücke mit dem Hochthailändisch vermischte, begannen einige der Konzertbesucher, die meist auch aus dem Isaan waren, Witze zu machen und mir zuzurufen, wegen meiner Verwirrung und meiner Ungeschicktheit, mit der ich die beiden Sprachen durcheinander brachte.

Das waren meine allerersten Erfahrungen mit Auftritten bei großen Live-Konzerten. Später lernten aber die Leute mich, meinen Stil und meine Lieder besser kennen und ich trat bei vielen Konzerten überall in Thailand auf und bekam Routine.

Wie veränderte sich Jintara, als sie ein Star wurde?
Ich habe natürlich eine Menge Erfahrungen gesammelt. Ich kam vom Lande und begann, in der großen Stadt Bangkok zu arbeiten. Ich musste viel lernen, um mich an das Stadtleben anzupassen. Ich traf viele neue Leute, und versuchte, dadurch zu lernen, dass ich diese Leute beobachtete, wie sie sich verhielten und wie sie redeten. Ich lernte allmählich, mit vielen verschiedenen Menschen zurechtzukommen, und wie man sich vor einem großen Publikum verhält. Aber eines hat sich nie geändert, ich bin immer noch eine ziemlich schüchterne Person. Heute habe ich allerdings mehr Selbstvertrauen und bin mir meiner Rolle als Sängerin bewusst. Und natürlich sind meine Lebensbedingungen jetzt viel besser als am Anfang meiner Karriere.

Als ich Kind war, träumte ich davon, eine berühmte Sängerin zu werden. Aber dies erschien mir so unwirklich, als ich noch in meinem entlegenen Dorf lebte. Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich es manchmal nicht glauben, dass dies mein Traum ist, der Realität wurde, es scheint mir wie ein Wunder. Ich denke, ich kann wirklich sehr mit meiner Arbeit und meiner Karriere zufrieden sein.

Hat es dir Spaß gemacht, eine Rolle in der Fernsehserie "Nai Hoy Tamin" zu spielen?
Das war eine Lukthung-Fernsehserie, die das Leben der Menschen im Isaan in den alten Zeiten darstellte. Für mich war es eine gute Erfahrung, mitzuspielen und natürlich hatten wir viel Spaß dabei. Ich spielte die Rolle eines jungen Mädchens, das gerne sang und sich in den ‚Isaan Cowboy' verliebte. Später wurde dieses Mädchen dann erschossen, als es einen Freund des "Isaan Cowboy", der in sie verliebt war, schützen wollte. Die Serie erinnerte mich an die Zeit, als ich jung war und in meinem Dorf lebte, einen einfachen Isaan-Rock trug und barfuss ging.

Werden wir dich zukünftig noch in anderen Serien sehen?
Wenn sich eine Gelegenheit ergibt und wenn es eine Rolle ist, die zu mir passt, so wie in Nai Hoy Tamin, denke ich, dass ich gern wieder schauspielern würde. Aber wenn ich wie ein wirklicher Filmstar auftreten müsste, wäre es für mich doch sehr schwierig. Ich denke, dass ich viel Zeit brauchen würde, um wirklich eine gute Schauspielerin zu werden. Meine Rolle in Nai Hoy Tamin fiel mir ziemlich leicht, denn ich musste nur mehr oder weniger mich selbst spielen. Und der Regisseur war auch nicht besonders streng mit mir.

In welchen Ländern bist du schon aufgetreten?
Ich war schon in vielen Ländern auf Tournee, der Schweiz, Deutschland, Amerika, Hongkong, Kanada … Gleich nachdem mein erstes Album veröffentlicht worden war, habe ich damit angefangen, im Ausland aufzutreten. Meine erste Auslandstournee führte in die Schweiz. Ich reiste damals mit meinem Manager, ich war noch sehr jung und ganz neu im Musikgeschäft. Ich kann mich heute nicht mehr an die Orte erinnern, die wir besuchten, aber ich habe die Schweiz als ein sehr schönes Land in Erinnerung.

Welches Konzert außerhalb Thailands gefiel dir am meisten?
Ich mag eigentlich alle meine Konzerte im Ausland gleich gern. Thais bleiben, wo immer sie auch leben, immer Thais. Sie sind warmherzige Menschen. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, fühle ich mich immer wohl.

Jetzt, auf meiner Konzerttournee hier in Deutschland habe ich etwas Probleme mit dem deutschen Essen, weil ich nicht gern so viel Brot essen mag. Aber wenn ich hier dann Thais getroffen habe, haben sie mich gleich angesprochen und mich eingeladen, Kao Niau und Som Tam (Klebereis und Papayasalat) mit ihnen zu essen. Das fand ich wirklich schön und mir ging es dann gleich viel besser.

Wie oft bist du schon in Deutschland gewesen? Gefällt es dir hier?
Es ist das erste Mal, dass ich nach Deutschland komme. Mir gefällt der Frühling hier in Deutschland. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren sehr nett zu mir. Aber ich fürchte, dass ich nicht so gut mit dem deutschem Essen auskommen kann. Die deutsche Wurst, die ich probiert habe, hat mir aber wirklich gut geschmeckt. Doch Kao-Niau und Som Tam werden immer die Nummer Eins für mich sein.

Wie war dein Konzert in München am 1. Juni im Hofbräuhaus?
So viele Leute waren gekommen, um mich zu sehen. Es war eine Atmosphäre wie bei einem Konzert in Thailand, es war eine Super-Stimmung und ich glaube, wir hatten alle viel Spaß. Was mich wirklich beeindruckte war, dass das deutsche Publikum sehr nett und sehr höflich zu mir war, es ist auch ein sehr aufmerksames Publikum. Sie kamen zu mir, um mir die Hand zu schütteln und mich zu begrüßen und sie baten mich darum, einige Photos von mir machen zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich als Künstlerin respektierten.

Wann wird dein neues Album herauskommen?
Sehr bald nach meiner Rückkehr nach Thailand. Sie warten schon darauf, dass ich sofort nach meiner Tournee ins Studio gehe, um an meinem neuen Album zu arbeiten. Das ist auch der Grund, warum ich nicht so lange Zeit fortbleiben kann. Das neue Album wird sowohl Morlam- als auch Lukthung-Songs enthalten, aber es hat noch keinen Namen. (Inzwischen ist das neue Album erschienen und wurde 'Nad Raw Bo Por Ai' genannt, frei übersetzt etwa "Verabredet, aber er kam nicht")

Vielen Dank für das Interview, Jintara . Möchtest du deinen Fans hier in Deutschland etwas zum Abschied sagen?
Ich möchte allen meinen Fans danken, allen Menschen, die mich immer ermutigt haben und mir ihre Zuneigung gezeigt haben. Ich wünsche euch Glück und Zufriedenheit. Und ich hoffe, dass ich bald wieder hierher nach Deutschland kommen kann, um euch alle wieder zu sehen.

Das Interview mit Jintara wurde am 2. Juni 2002 in Stuttgart, vor ihrem Auftritt in der Disko "Joy" stattfinden.

Anmerkungen:

1. "Sao Sieng Pin" ist der Beiname, der Jintara gegeben wurde, was übersetzt so viel heißt wie:
Das Mädchen mit der Stimme einer "Pin" (Isaan Gitarre)
2. "Nai Hoi Tamin" ist der Titel eine Lukthung-Fernsehserie über das harte Leben eines "Cowboy" im Isaan, die vor etwa 2 Jahren im thailändischen Fernsehkanal TV7 lief. In der Serie traten viele berühmte Lukthung-Stars auf.

Über Jintara Poonlab

Jintara Poonlab wurde am 12. März 1971 in Moo Baan Chanthun im der nordöstlichen Provinz Roi-Et geboren.

Nachdem sie Jintaras wundervolle Stimme gehört haben, hatten Thana Yodwiboon und "Sao Khon Kaen", beide im Musikgeschäft tätig, sie eingeladen, eine Karriere als Lukthung-Sängerin einzuschlagen.

Ihr erstes Album war "Tuk Log Ok Rong Rien". Ausser dem gleichnamigen Titelsong dieses ersten Albums waren ihre erfolgreichsten Lieder "Waan Puen Kien Chod Mai", "Palang Rak" und "Chao Bao Haai".

Im Jahre 2001 spielte Jintara ihre erste Rolle in der TV-Serien "Nai Hoi Tamin", die auf der Kanal 7 gespielt worden. Dies war eine vielteilige Serie über das Leben der Viehtreiber, der "Isan Cowboys" längst vergangener Zeiten. Auch viele andere berühmte Lukthung-Stars wie etwa Mike Poromporn und Chaiya Mitrchai spielten in dieser Serie mit.

Eine grosse Anerkennung war für Jintara der "Preis des besten Lukthung-Songs". Mit ihrem Lied "Raeng Ngan Khao Niew" hatte sie diesen Ehrenpreis von Kronprincessin Sirindhorn beim "50th Year of the Thai Lukthung Festival" erhalten.

Weitere Informationen über Jintara Poonlab: www.jintarafanclub.com


Plaeng Morlam
"Lam" ist ein Wort aus dem Isaan-Dialekt und bedeutet "singen", "Morlam" ist der Sänger. "Plaeng Morlam" kann von einzelnen Sängern, zu zweit oder auch von Gruppen gesungen werden. Die Stars des Morlam haben heute ihre großen Bands mit vielen Tänzern. Früher handelten die Texte meist von traditionellen Geschichten aus dem Isaan. Heute kommen alle möglichen Themen des Alltagslebens hinzu und werden oft in witziger und ironischer Weise aufgegriffen.

Neben den traditionellen Instrumenten des Isaan wie z.B. "Ken" werden auch europäische und elektronische Instrumente und alle möglichen Stilrichtungen der internationalen Musik eingeführt und gemischt. Morlam wird fast immer in der Sprache des Isaan gesungen.

Als Morlam-Zing bezeichnet man einen lang andauernden, meist in einem sehr schnellen Rhythmus vorgetragenen Gesang, bei dem die einzelnen Lieder in einander übergehen. Diese Stilrichtung wird häufig von einer Sängerin und einem Sänger im Wechsel vorgetragen. Sie ist voller Spaß und Lebensfreude, manchmal auch mit Anspielungen gespickt und wie ein Flirt zwischen dem Sänger und der Sängerin.

Plaeng Lukthung
"Lukthung" bedeutet eigentlich wörtlich "Kinder des Reisfelds", oder im weiterem Sinne "Leute vom Land". Lukthung wird immer in der (zentral-)thailändischen Sprache gesungen. Die Melodien sind oft eingängig, leicht zu erlernen und verbreiten sich schnell. Oft reflektieren die Texte das Leben der armen Landbevölkerung oder der Migranten in den großen Städten. Und natürlich geht es wie in jeder Form der Popmusik um die stets aktuellen Themen der Freuden und Enttäuschungen der Liebe. Rhythmen und Stilrichtungen speisen sich aus den musikalischen Traditionen des ländlichen Zentralthailand und des Isaan, sind aber auch von der amerikanischen Country&Western Musik beeinflusst und verarbeiten alle möglichen Richtungen internationaler Musik. So wird z.B. gern ChaChaCha, Rock oder Samba verwendet.

Plaeng Lukthung-Morlam
Plaeng Lukthung-Morlam ist die Mischung aus Lukthung und Morlam. Der Rhythmus klingt meist eher wie beim Lukthung, aber die Art zu singen ist eher "Morlam" und die Texte werden im Isaan-Dialekt gesungen oder in einer Mischung aus Thai und Isaan-Sprache

© thailife.de
Alle Fotos: KhunJohn

 

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