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Archiv 2002

Karola Kessler, Gründerin des Haus Santisuk im Gespräch mit thailife.de

Das "Haus Santisuk e.V." in Hochstadt (Rheinland-Pfalz) ist ein Frauen- und Kinderschutzhaus und Beratungsstelle für thailändische Frauen. Es bietet Beratung und praktische Hilfe in den vielfältigen Fragen und Problemen in Deutschland lebender thailändischer Frauen und ihrer Familien an. thailife.de sprach mit Karola Keßler, Gründerin und Vorstand von Santisuk.

Frau Keßler, können Sie uns etwas über sich selbst erzählen, wie haben Sie Thailand kennengelernt, wie sind Sie in Kontakt mit Thailänderinnen hier in Deutschland gekommen?

Ich bin als älteste Tochter mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Als Kind träumte ich davon, Lehrerin oder Fürsorgerin, (heute nennt man das Sozialarbeiterin) zu werden. Leider war ein Studium aus finanziellen Gründen nicht möglich, da unsere Familie in sehr einfachen Verhältnissen lebte. Da ich in einer christlichen Familie aufwuchs und im jugendlichen Alter erlebte, dass Gott nicht eine weit entfernte, unpersönliche Größe ist, sondern dass man eine persönliche Beziehung zu ihm haben kann, entstand in mir der Wunsch, anderen Menschen die Liebe Gottes weiterzugeben und ihnen zu helfen. Nach meiner Berufsausbildung als Einzelhandelskauffrau und einer Tätigkeit im Büro machte ich eine theologische Fachausbildung mit dem Ziel, ins Ausland zu gehen. Durch Literatur und persönliche Berichte von anderen wurde mein Interesse an Thailand geweckt. So kam es, dass ich 1973 als Missionarin nach Thailand ausreiste. Zunächst erlernte ich in Chiang Mai die thailändische Sprache, zog dann nach Tak, später nach Kampheng Phet und lebte die letzten eineinhalb Jahre in Mae Sod an der burmesischen Grenze. Neben dem weiteren Sprachstudium arbeitete ich in christlichen Gemeinden in der Kinder-, Jugend- und Frauenarbeit mit. 1977 kehrte ich nach Deutschland zurück und lernte meinen Mann kennen. Durch Nachbarn bekam ich Kontakt mit einer Thailänderin, die mit einem deutschen Mann verheiratet war. Die beiden konnten kaum miteinander sprechen. Sie war sehr froh, als sie mich kennenlernte und merkte, dass sie sich mit mir in ihrer Muttersprache unterhalten konnte. Sie machte "Propaganda" in ihrem Freundeskreis, so dass mein Mann und ich immer mehr deutsch-thailändische Ehepaare kennenlernten.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Haus Santisuk zu gründen ?

Im Lauf der Jahre lernten wir immer mehr Thailänderinnen kennen, die mit massiven Problemen zu kämpfen hatten: physische und psychische Gewalt durch ihre Partner, Kommunikationsprobleme, Alkoholprobleme, Menschenhandel usw. Einige der Frauen hatten wir bereits kurzzeitig in unser Haus aufgenommen. Dadurch entstand bei mir und einigen Freunden, die ebenfalls mit Thailänderinnen Kontakt hatten, der Wunsch, ein Haus für diese Thailänderinnen zu haben. Wir informierten unseren größeren Freundeskreis und baten um Spenden, um diesen Plan zu verwirklichen. Ganz in der Nähe unseres Hauses wurde ein Grundstück angeboten. Es war wie ein Wunder, dass zu dem Zeitpunkt, als über den Verkauf dieses Grundstücks entschieden werden musste, unser Freundeskreis den Betrag von DM 100.000 an Spenden und zinslosen Darlehen aufgebracht hatte. Diesen Betrag hatten wir uns als Zeichen von Gott erbeten, ob wir den Plan für ein Haus für Thailänderinnen umsetzen sollten oder nicht. Auf das gekaufte Grundstück wurde dann ein Ausbauhaus gestellt, das durch die tatkräftige Hilfe von Handwerkern und Hilfskräften aus unserer Gemeinde und von befreundeten deutschen Männern, die mit Thailänderinnen verheiratet sind, ausgebaut wurde. Im Oktober 1992 wurde das Haus dann eingeweiht und wird seitdem genutzt.

Was sind die Arbeitsfelder und Hauptaktivitäten des Vereins Hans Santisuk ?

Zunächst wurde das Haus als Begegnungs- und Zufluchtsstätte für Thailänderinnen benutzt. Es wurden sehr viele Intensiv-Deutschkurse durchgeführt. Da die Frauen zum Teil von weit her kamen, wohnten sie auch hier. Wir veranstalteten Treffen für thai-deutsche Paare und nahmen auch einzelne Frauen, die Probleme hatten, auf. Während dieser Zeit wurde mir klar, dass für diese spezielle Arbeit mehr berufliche Kompetenz erforderlich war. So entschied ich mich, an einer Fachhochschule Sozialarbeit zu studieren. 1998 beendete ich mein Studium. Meine Diplomarbeit schrieb ich über das Thema: "Die psychosoziale Situation von thailändischen Heiratsmigrantinnen in Deutschland". In meinem Anerkennungsjahr arbeitete ich sieben Monate in einer allgemeinen Sozial- und Lebensberatungsstelle.

Bereits 1997 kam es zur Gründung des Vereins Haus Santisuk e.V.. Der Verein sieht seine Aufgabe schwerpunktmäßig in der sozialen Arbeit unter Thailänderinnen und anderen Frauen aus Südostasien. Unsere wichtigsten Tätigkeitsfelder sind Information, Integration und Intervention. Die einzelnen Bereiche sind die Beratungsstelle für Frauen aus Südostasien, das Frauen- und Kinderschutzhaus und Integrationsmaterial für Frauen aus Thailand.

Frau Karola Keßler (ihr thailändische Name ist "Karuna"), Vorsitzende des Vereins Santisuk im Gespräch mit Gästen im Haus Santisuk Sommerfest 2001

Wie viele Frauen und Kinder betreuen Sie zur Zeit, wieviele waren es seit der Gründung von Santisuk insgesamt ?

Im vergangenen Jahr (2001) lebten ständig zwischen vier und sechs Frauen mit ihren Kindern im Haus. Seit der Gründung des Vereins im Jahre 1997 waren es insgesamt 49 Frauen und 43 Kinder mit einer Verweildauer von 2 Tagen bis zu 2 Jahren. Einige der Frauen werden auch nach ihrem Auszug weiterhin mehr oder weniger intensiv sozialpädagogisch betreut. Hinzu kommen die vielen telefonischen Beratungen und die Beratungen unserer Beratungsstelle. Bei letzteren handelt es sich hauptsächlich um Paarberatungen. Laut unserer Statistik waren dies seit 1997 insgesamt 275 Einzelpersonen, Paare oder Familien.

Mit welchen Problemen kommen die Frauen zu Ihnen ? Können Sie uns einige beispielhafte Fälle nennen ?

Die Probleme, mit denen sich Frauen und Paare an uns wenden, sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie vorbringen. Am besten lassen sie sich unter unsere drei Arbeitsschwerpunkte zusammenfassen.

Information: Hier geht es - vor allem von Seiten der Männer - um Fragen der Visumserteilung und der Eheschließung. Eigentlich sind wir hier gar nicht zuständig, sondern die Botschaften, Ausländerämter und Standesämter. Darauf verweisen wir auch bei Anrufen. Jedoch kommen viele Männer mit dem Argument "Sie haben doch sicher viel Erfahrung ...". Obwohl derartige Anrufe manchmal überhand nehmen und die Anrufer sich mit einem Hinweis auf die betreffende Behörde nicht "abspeisen" lassen wollen, nutzen wir doch die Gelegenheit, die Männer auf unser Integrationsmaterial hinzuweisen. Wir weisen sie auch auf die Möglichkeit hin, ein Beratungsgespräch vor der Eheschließung in Anspruch zu nehmen. Dabei stelle ich oft fest, dass die beiden Ehewilligen noch herzlich wenig voneinander wissen und oft ganz unterschiedliche Erwartungen an die Ehe haben. Diese unausgesprochenen, weil aufgrund der Sprachprobleme noch "unaussprechlichen" Probleme, sind ein gefährliches Konfliktpotential für die spätere Ehe. Hier sollte von den Nichtregierungsorganisationen der Bereich der Prävention noch mehr ausgebaut werden.

Integration: Im Verlauf der letzten 17 Jahre haben wir verschiedene Integrationsmaterialien herausgebracht, wie z.B. unsere Deutschkurse auf Kassetten "Deutsch für Thailänder" und "Wipa lernt Deutsch", unsere Lesefibel und unser Kochbuch "Europäische Küche für die thailändische Köchin". Auch unsere Versand-Leihbücherei mit über 1000 Titeln aus - fast - allen Bereichen sei hier erwähnt. Aufgrund der Euro-Umstellung haben wir vor kurzem unser Lieferprogramm neu überarbeitet. Es kann bei uns angefordert werden.

In Haus Santisuk selbst führen wir immer wieder Deutschkurse durch, die von den Thailänderinnen in der Pfalz (der näheren Umgebung des Haus Santisuk) gern besucht werden. Durch den Unterricht in kleinen Gruppen (4-8 Frauen) und die thailändischen Sprachkenntnisse der beiden Kursleiterinnen sind diese Kurse besonders geeignet für Frauen mit wenig Deutschkenntnissen oder mit einer geringen Schulbildung.

Der Bereich Integration ist für uns sehr wichtig, vor allem im sprachlichen Bereich. Je besser die Deutschkenntnisse, desto besser die Kommunikation in der Ehe, desto weniger sprachliche Missverständnisse. Auch für die Integration in die Familie, die Arbeitswelt und die Gesellschaft überhaupt sind Sprachkenntnisse der wichtigste Faktor.

Zur Zeit arbeiten wir an einem neuen Kassettenkurs mit dem TiTel. "Wie spreche ich Deutsch mit meinen Kindern". Obwohl wir betonen, dass es wichtig ist, dass die thailändischen Mütter mit ihren Kindern (vor allem in den ersten Jahren) ihre "Muttersprache", die thailändische Sprache, sprechen, ist es genauso wichtig, dass sie auch lernen, mit ihren Kindern deutsch zu sprechen, und zwar "richtig", kein sogenanntes "Babydeutsch" oder "Ausländerdeutsch". Sonst kommt es im Schulalter bzw. in der Pubertät zu Kommunikationsschwierigkeiten, zu einem Verlust der Achtung vor der Mutter und zur Entfremdung.

Intervention: Dies ist der Bereich, wo Frauen und manchmal auch Paare und Familien ganz konkrete Hilfe brauchen. Leider kann ich hier aus Gründen des Datenschutzes keine konkreten Fälle nennen. Oft handelt es sich um psychische und physische Gewalt der Männer gegen ihre Frauen, um Verständigungsprobleme, finanzielle Probleme wie z.B. Streit wegen finanzieller Transferleistungen nach Thailand, Tod des Ehemannes und die Hilflosigkeit der Frauen im Bezug auf die Dinge, die getan werden müssen, Erziehungsprobleme usw. In diesem Bereich kooperieren wir sehr oft mit anderen Beratungsstellen, Frauenhäusern, mit der Polizei und sonstigen Behörden. Oft kann die Situation durch ein oder mehrere Telefongespräche geklärt werden.

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