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Archiv 2000

Die Berliner müssen sich mehr öffnen!

Interview mit Exzellenz Kasit Piromya
Botschafter des Königreiches Thailand in der Bundesrepublik Deutschland

Herr Botschafter, Sie sind seit dem 1. September 1999 der Vertreter des Königreiches Thailand in der deutschen Hauptstadt Berlin. Wie lange wird Ihre Amtszeit dauern?

Ich bin im Januar 1997 angekommen, dass heißt, dass ich bald vier Jahre hier sein werde und dann meine Amtszeit vorbei ist. In Bonn war ich drei Jahre und in Berlin werde ich noch ein Jahr sein.

Gibt es in Berlin noch einen Thai-Konsul?

Die deutsche Regierung ist nach der Wiedervereinigung nach Berlin umgezogen. Deshalb musste auch unsere Botschaft hierher kommen. Bisher hatten wir unsere Botschaft nur in Bonn. Jetzt - nach dem Umzug - bleibt in Bonn unsere Außenstelle. In Kürze wird auch in Frankfurt ein Konsulat eingerichtet werden, voraussichtlich gegen Ende des Jahres 2001. Erst dann wird die Außenstelle in Bonn geschlossen werden.
Hier in Berlin hat unsere Botschaft auch die Arbeit des General-Konsulats übernommen. Wir sind hundertprozentig für unsere Landsleute da.

Nachdem die Botschaft in Berlin ansässig ist: Empfinden Sie einen Unterschied zwischen Bonn und Berlin und wenn ja, worin äußert sich dieser?

Der Unterschied ist sehr groß. Zuerst aus meiner privaten Sicht: Ich bin es gewohnt in einer Großstadt zu leben - ich komme aus Bangkok - und deshalb fühle ich mich hier sehr wohl! In Bonn fehlte mir einiges an der Infrastruktur. Wenn ich irgendetwas brauchte, z.B. Thai-Lebensmittel, musste ich nach Frankfurt fahren. Hier in Berlin kann ich ausgezeichnet einkaufen.
Was meine Arbeit betrifft - auch da hat sich einiges verändert. Zu der Zeit meiner Tätigkeit in Bonn war ich meist im Westteil Deutschlands unterwegs, in Hamburg, Kiel, Frankfurt und München beispielsweise. Auch jetzt muss ich natürlich viel reisen, da noch nicht alle Abteilungen unserer Botschaft vollständig in Berlin ansässig sind. Ich muss weiterhin nach München und Frankfurt, aber da Berlin wesentlich weiter östlich als Bonn liegt, sind auch die Wege nach Westdeutschland länger.

Gibt es gute Beziehungen zu den deutschen Behörden?

Wir haben ja eine sehr lange Tradition in den Beziehungen zu Deutschland. Mit den Beamten gibt es überhaupt keine Probleme. Bei dem Minister, bei dem Staatssekretär ein Thema anzusprechen, einen Termin zu bekommen, ist da schon schwieriger, da sie ja auch viel Arbeit haben.
Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und der Wirtschaft ist hervorragend. Meine Arbeit besteht ja gerade auch darin, die schon vorhandenen guten Kontakte zu Deutschland zu erhalten, immer weiter auszubauen und zu verbessern.
Ich weiß schon, dass die thailändische Gemeinde hier viele Probleme hat. Als Beispiel möchte ich die Frauen und Transsexuellen erwähnen, die in der Prostitution tätig sind. Die Deutschen Behörden äußern selbst, dass die Sorgen, die sie mit dieser Gruppe am Rande der Gesellschaft haben, überhaupt nicht vergleichbar sind mit den Problemen durch andere Zuwanderer. Für mich ist allerdings schon schmerzlich, dass die Aufmerksamkeit der Deutschen zu oft nur auf diesen Aspekt gelenkt wird.

Die Berliner sind auf ihre Stadt ebenso stolz, wie die Thais auf Bangkok. Ist Berlin Ihrer Ansicht nach weltoffen und tolerant? Ihre Meinung über die Berliner?

Berlin muss Farbe bekennen!
Die Stadt ist nicht mehr eine umschlossene Einheit, nicht mehr eine Insel, sondern die Hauptstadt Deutschlands. Und selbst wenn die Berliner - manche von ihnen - noch nicht so offen für die neue Situation sein sollten: Berlin muss sich weiter öffnen. Die Berliner müssen ein neues Bewusstsein entwickeln und zwar als Gastgeber. Sie müssen die vielen fremden Besucher als Gäste so gut wie möglich aufnehmen und empfangen.

Pflegen Sie private Beziehungen zu Berlinern? Wie nutzen Sie das große Kulturangebot (Theater, Oper, Museen) in der deutschen Hauptstadt?

Ich pflege sehr viele Beziehungen zu Thais, die mit Deutschen verheiratet sind. Weiterhin sind viele private Freundschaften mit Berlinern durch die gemeinsame Arbeit entstanden.
Ich besuche gerne Museen, klassische Konzerte und wenn ich Gäste habe, unternehme ich mit ihnen Rundfahrten durch die Stadt und die Umgebung von Berlin. Meine Lieblingsbeschäftigung gilt allerdings der Malerei...

Malen Sie selbst?

...und ich skizziere gern. Ausstellungsreif sind meine Arbeiten aber bisher noch nicht. Kürzlich - am 25. November - haben wir in der Botschaft einen Thai-Basar veranstaltet. Trotz des schlechten Wetters kamen sehr viele Nachbarn zu uns. Das hatten wir nicht erwartet und obwohl das zum ersten Mal stattfand, war es ein großer Erfolg. Die Einnahmen aus dieser Veranstaltung sollen Bedürftigen in Steglitz zu gute kommen.

Die Thais sind ein stolzes Volk und lieben ihr Vaterland. Warum kommen dann aber so viele Thais nach Berlin, um hier zu leben, etwa 6.000 sind in Berlin legal ansässig?

Es gibt fünf Gruppen:
Die erste besteht aus Fantasten und Träumern. Diese Leute möchten nach Deutschland kommen, obwohl sie nichts über das Land wissen.
Die zweite Gruppe besteht aus Menschen, die von der Armut getrieben nach Deutschland kommen. Andere wieder sind Abenteurer, die etwas Neues erfahren und erleben möchten. Die vierte Gruppe besteht aus Intellektuellen, die in Deutschland eine Chance erblicken, hier ihr Wissen und Können mehr einzusetzen, als in Thailand.
Schließlich gibt es die Thais, ob Männer oder Frauen, die durch Eheschließung nach Deutschland kommen. Ich betrachte das als einen Teil der Globalisierung, die Menschen rücken näher zusammen. Heute stellt eine Reise nach Thailand ja kein Problem mehr dar. In ca. 10 Stunden ist man in Bangkok. Salopp gesagt, wird es in der Zukunft einmal eine "Weltnation" geben.
Alle diese Thais halten aber fest an Kontakten zu ihrem Heimatland. Egal wo Thais sich niederlassen, gibt es innerhalb kurzer Zeit eine Gemeinde. In der Großstadt versuchen sie dann ein Zentrum aufzubauen. Ältere Thais planen, ihren Ruhestand, ihren Lebensabend als Rentner, wieder in Thailand zu verbringen. In thai-deutschen Familien bemüht man sich, den Kindern auch die thailändische Kultur nahe zu bringen, damit sie ihre Wurzeln nicht vergessen.

Immer mehr Deutsche sind mit einer Thai verheiratet.Was denken Sie über thai-deutsche Ehen?

Im Allgemeinen habe ich überhaupt kein Problem damit. Ich bin weltoffen genug, mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich im Ausland verbracht.
Ich habe feststellen müssen, dass es meist zu Problemen führt, wenn man seine eigene Heimat, das Vaterland oder seine eigene Religion zu sehr liebt, sich überhebt über andere Nationen und Gefühle anderer Menschen. Es ist doch sehr gut, dass unsere Kinder so viele Freunde im Ausland, unter so vielen Nationen haben. Dadurch entwickelt sich allmählich eine Tendenz zur "Weltbevölkerung" und man hat dann nicht mehr diese Probleme des Links- und Rechtsradikalismus, mit den Neo-Nazis, wie hier.
An die deutschen Ehepartner meiner Landsleute gerichtet möchte ich die Bitte äußern, dass sie ihre Ehepartner dahingehend beeinflussen sollten, die deutsche Sprache und Kultur intensiver kennen zu lernen und nicht etwa im Gegenteil sie daran zu hindern. Wenn die deutschen Behörden ein Hilfsprogramm anbieten, sollten die Thais das auch wahrnehmen und annehmen!

Im Zusammenhang damit: Haben Sie denn Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus - speziell von Deutschen gegenüber Thais - in Berlin und Umgebung wahrgenommen oder feststellen müssen?

Die Deutschen mögen die Thais, sie hassen sie nicht. Manchmal allerdings scheint es, als sei ihr Bild von Thailand allein geprägt durch die Monarchie, durch die Landschaft mit ihren schönen Stränden und durch eine bestimmte Einstellung zu thailändischen Frauen. Es liegt aber nicht an uns, dass sie Vorurteile im Kopf haben.
Ich bin aber der Überzeugung: Die Deutschen sind uns wirklich freundlich gesinnt. Ich sehe es auch als eine meiner Aufgaben an, hier das Bild, dass die Deutschen von Thailand haben, richtig zu stellen, wieder gerade zu rücken. Es gibt mehr über Thailand zu berichten, als diese drei Themen Monarchie, Strände und Frauen.

Wir mit unserem FARANG-Magazin treten gegen Vorurteile auf und haben uns als Aufgabe gestellt, das verzerrte Bild, das durch einseitige Berichterstattung in einigen Medien entstanden ist, zu korrigieren. Die überwältigende Mehrheit der Thais führt mit ihren deutschen Ehepartnern ein alltägliches, bürgerliches Leben und ist in ganz normalen Berufen tätig.

Ja, auch im Außenministerium sind viele Frauen tätig. Eine große Anzahl von Botschaften in der Welt werden von Frauen geleitet. Ich glaube, dass es in Zukunft immer mehr sein werden.
Die Rolle der Frau in der thailändischen Gesellschaft ist sehr bedeutend. Wir haben viele Frauen in den Chefetagen der Wirtschaft, viele Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen. Diese Tatsache wird noch nicht ausreichend wahrgenommen. Sie ist im Bewusstsein der Deutschen noch nicht richtig angekommen. Dagegen muss noch viel getan werden.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Ausländerbeauftragten des Senats?

Ich kenne Frau Barbara John noch nicht so gut, doch ich versuche die Kontakte zur Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen zu erweitern. Dies ist nicht nur auf Berlin begrenzt, sondern betrifft auch die Sozialbehörden auf Bundesebene.
Im Moment stellen die so genannten Schein-Ehen ein großes Problem dar. Wenn nach so einer Heirat die thailändische Ehepartnerin der Prostitution nachgeht und durch die Polizei entdeckt wird, muss fast immer sie die Konsequenzen daraus tragen - nicht der deutsche Ehepartner. Oft werden die Thais dann ausgewiesen. Eigentlich müssten doch auch die deutschen Partner zur Verantwortung gezogen werden, denn sie profitieren doch von dieser Art "Kooperation".
Ich bin im Moment nicht sicher, nach welcher gesetzlichen Frist - nach zwei oder nach drei Jahren - der ausländische Ehepartner die Scheidung beantragen kann, ohne die Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Hier sollte so schnell wie möglich ein eigenständiges Aufenthaltsrecht zu erwerben sein, damit die ausländischen Ehepartner nicht erpressbar sind. Ich habe nämlich auch von Fällen gehört, bei denen der deutsche Ehepartner zwar das Gesetz kennt, seine Ehepartnerin aber darüber nicht informiert, d.h. sie in Unwissenheit über ihre Rechte lässt.

Ihre Ansicht zum Preußen-Park in Wilmersdorf, der inzwischen in Berlin meist als "Thai-Park" bezeichnet wird?

Man sollte den Thais ebenso Versammlungsräume anbieten, wie man sie anderen ausländischen Mitbürgern und ihren Vereinen zur Verfügung stellt. Die deutschen Behörden, aber auch die deutschen Ehemänner stellen hier wichtige Faktoren dar.
Die deutschen Ehepartner müssen selbst darauf einwirken, dass die Thais sich nicht nur mit Glücksspiel beschäftigen und ihr ganzes Geld verspielen.
Ich bin auch überzeugt davon, dass die deutschen Behörden sehr wohl über die Vorgänge, beispielsweise den Drogenhandel, informiert sind. Das bewies ja die vor kurzem erfolgte Schließung des "Butterfly". Insgesamt verhält sich die Polizei nach meinem Eindruck aber eher zurückhaltend. Vielleicht sammelt sie noch Informationen.

Jede Medaille hat zwei Seiten. Eindeutig negativ zu beurteilen sind das Glücksspiel und auch der nicht genehmigte Handel mit Getränken und Lebensmitteln. Inzwischen geht etwas, das man mit Freude angenommen hat, langsam "den Bach 'runter".

Angefangen hat es aber mit einer Begegnungstätte. Plötzlich begannen Thais vor einigen Jahren in Wilmersdorf, sich an schönen Tagen im Sommer hier mit ihren deutschen Partnern oder Freunden einzufinden. Keiner von ihnen weiß heute eigentlich noch, warum ausgerechnet der Preußen-Park dafür auserkoren wurde. Wahrscheinlich lag es an der verkehrsgünstigen Lage mitten in der City. Hier entwickelte sich ein multikultureller Treff- punkt, der inzwischen weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt geworden ist. Einige Medien sprachen sogar von "Klein-Bangkok mitten in der City Berlins".

Das könnten Sie doch eigentlich nur begrüßen, oder?

Das tue ich auch, denn ich weiß natürlich auch die positiven Seiten zu schätzen. Aber dadurch, das es im Park inzwischen diese negative Entwicklung gibt, sollte man eine andere Begenungsstätte suchen.
Meiner Meinung nach kann man an der Situation im Preußen-Park kaum noch etwas zum Positiven ändern, obwohl den ganzen Tag auch die Polizei in Zivil präsent ist.
Warum kümmern sich die deutschen Ehemänner nicht mehr darum, einen anderen Platz für die Begegnungen zu finden oder vielleicht auch einen thai-deutschen Verein zu gründen? Ihnen müsste das doch wesentlich leichter fallen, dafür die erforderlichen Genehmigungen zu erhalten. Es ist doch ihr Land, sie sind schließlich hier zu Hause.

Was vermissen Sie in Berlin?

Zurzeit ist mein Berlin-Bild noch etwas verschwommen. Wenn ich z.B. an Paris denke, dann habe ich den Eiffel-Turm vor Augen oder die schönen Cafès und bei London denke ich an die Tower-Bridge. Hier in Berlin habe ich noch keine klare Einstellung, keinen Fixpunkt.

Meine Frage zielte eigentlich mehr darauf ab, ob Sie hier auf so etwas typisch thailändisches wie die berühmt-berüchtigte Stinkfrucht "Durian" verzichten müssen.

Überhaupt nicht, damit habe ich keine Probleme. Die Versorgungs- und Einkaufsmöglichkeiten in Berlin sind hervoragend.

Zum Schluss noch eine Frage, die unter den FARANG-Lesern immer wieder zu Aufregung führt. Es gibt mehr und mehr Beschwerden über die unterschiedlichen Eintrittspreise für thailändische Sehenswürdigkeiten. Die staatlichen Nationalparks haben im Oktober die Eintrittspreise für ihre Besucher in erheblichem Maße angehoben, allerdings nur für Farangs, für Ausländer. Thais müssen 50 Bht. zahlen, Ausländer 200 Bht.
Möchten Sie dazu etwas sagen?

Ich bin total gegen dieses Zwei-Tarife-System, besonders wenn es sich um staatliche Einrichtungen handelt, wie das bei den Nationalparks der Fall ist. Für Tempel, für Wats finde ich es als alleinige Ausnahme aber gerechtfertigt. Traditionell sind die Tempelanlagen buddhistische Heiligtümer der Thais und können seit Jahrhunderten von ihnen frei betreten werden. Bedenken Sie bitte, dass mit den Eintrittsgeldern der Ausländer gewährleistet wird, dass die buddhistischen Kulturdenkmäler und Heiligtümer erhalten werden können.

Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch.

Copyright-Vermerk:

© Das Interview führte Jens-Peter Richnow
im Auftrage der Ausländerbeauftragten des Senats am 7. Dezember 2000.
Als Dolmetscher fungierte Prasom Chaipatthanakorn.
Die Fotos fertigte Helmut Meuser.

Herr Richnow ist Herausgeber des Magazin FARANG
Wir danken dem FARANG Magazin für die Erlaubnis, dieses Interview auf thailife.de zuveröffentlichen.

 

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